Die Börse - Der Schicksalskick als Freizeitspektakel
Von Hans Joachim Karopka
Kleinabsahner, Börsenvoyeur und System-Zocker - eine kleine
Börsenpsychologie
Die Achterbahnfahrt der Börsenkurse wird für die Deutschen gegen Ende des Jahrtausends zunehmend attraktiver und fasziniert die Gemüter ähnlich wie Bungee-Jumping oder Rafting in wilden Flußtälern.
Denn die Börse verspricht mehr als nur eine vereinfachte Form des
Geldverdienens: Mit einer Aktie erkauft man sich vor allem einen Anteil am
Schicksal einer Unternehmung. Hier kann man mitfiebern, mitzittern und die
Höhen und Tiefen des Schicksals in Reinkultur miterleben. Die Dramatik der
Fieberkurve zeigt, daß auf dem Börsenparkett - im Gegensatz zu unserer von
Reformstau und Besitzstandswahrung geprägten Alltagskultur -
offenbar alles möglich und nichts sicher ist.
Die Börse gehört damit zu den neuen Spielwiesen der Gesellschaft,
bei denen
es darum geht, sich einen ultimativen 'Schicksalskick' zu holen. Das
Aktienspiel wird zum Action-Spiel, das einen nicht mehr losläßt und die
ganze Freizeit in Beschlag nimmt. Die Börsenkurse werden wie die
Bundesligatabelle zum täglichen Erfolgsbarometer, ob wir im
Schicksalskampf
auf die richtigen Parteien setzen.
Die privaten Kleinanleger führen dabei ein Doppelleben: Auf der
einen Seite
der ganz normale sichere Alltag, auf der anderen Seite die Aktie als alter
ego, deren Schicksal mitvollzogen und durchlitten wird. Das Spektrum der
Anlegertypen reicht dabei vom 'Börsenvoyeur' bis zum 'Schicksalshasadeur'.
Für den Börsenvoyeur ist Dramatik des Börsengeschehens genauso
spannend wie
eine Krimiserie, deren Folgen jeden Tag neu geschrieben werden. In seinen
Phantasien sieht sich der Börsenvoyeur als Teilnehmer an der Börse und
hadert mit seiner Zurückhaltung. De facto bleibt er allerdings außen vor,
aus Angst, vom Sog der Börse mitgerissen zu werden.
Der stille Teilhaber möchte an den verlockenden
Schicksalsoptionen der Börse
teilnehmen, allerdings aus sicherer Distanz. Sein Prinzip ist das der
Delegation und Risikostreuung: Er überträgt die Verantwortung lieber einem
Fondsmanager oder Bankberater und versucht sich mit einem mittel- bis
langfristigen Anlagehorizont gute Erträge zu sichern.
Der Klein-Absahner begibt sich schon etwas stärker aus der Deckung und
verläßt sich nicht nur auf Berater und Manager. Die Widersprüchlichkeit
zwischen Gewinngier und Sicherheitsdenken wird bei ihm besonders
spürbar in
Form einer Angst vor der eigenen Courage: Gewinne werden schnell
mitgenommen
und Verluste nur in geringem Ausmaß toleriert. Er investiert vor allem in
Standardwerte mit eingebauter Sicherheitsdividende.
Der Quartalsspekulant weiß, daß er dem 'Börsenlaster' und seiner
Eigendynamik schnell verfallen könnte. So kommt es bei ihm zu
begrenzten und
lediglich sporadischen Aktionen, vergleichbar einem Besuch in der
Spielbank.
Er agiert mit Spielgeld, das er meist eher kurzfristig investiert: schnell
rein und schnell wieder raus! Seine Entscheidungen folgen weniger einem
ausgeklügelten System als seinem Bauchgefühl.
Der System-Zocker geht hohes Risiko ein, arbeitet nicht nur mit Spielgeld
und investiert relativ hoch. Er hat Krisenzeiten an der Börse erfolgreich
überwunden und verfügt über einige grundlegende Überlebensstrategien wie
Limits für den Ein- und Ausstieg. Standardwerte mit wenigen Prozenten
Rendite langweilen ihn, erst mit Optionsscheinen, Nebenwerten und
Außenseitern ('Hot Stocks') kommt er auf Touren.
Finanzielle und emotionale Umsatz-Grenzen sind bei allen Kleinanlegern die
notwendige Voraussetzung, um sich überhaupt auf das Börsenparkett zu wagen
und sich dort dauerhaft mit Erfolg zu engagieren. Ist man nicht
in der Lage,
diese Limits zu setzen und auch durchzuhalten, bleibt man ewig
Zaungast wie
der Börsenvoyeur, der sich emotional sehr stark, aber finanziell überhaupt
nicht engagiert - aus Angst, zu sehr in den Sog des Börsen-Schicksal
hineinzugeraten. Oder man läuft Gefahr, sich komplett zu ruinieren wie der
Schicksalshasadeur: Er ist vom Geschehen berauscht wie von einer Droge.
Anfangserfolge verleiten ihn zu unvorsichtigen Investitionen ohne
doppelten
Boden. Seine todsicheren Tips werden zum fatalen Risiko. Der Crash an der
Börse wird dann zum existentiellen Absturz.
Die deutsche Anlagekultur wird dabei immer noch von einem Sonderfaktor
beeinflusst: Die historischen Erfahrungen zweier Weltkriege haben gezeigt,
was passieren kann, wenn man versucht, ohne Rücksicht auf
Verluste die Welt
zu erobern. Diese Erfahrung steckt den Deutschen noch deutlich in den
Knochen in Form einer besonderen Sicherheitsorientierung und
demonstrativen
Diskreditierung von Größenphantasien. So lassen sich in Deutschland immer
noch viel leichter Versicherungen als Aktien verkaufen.
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