Marktgeschehen
Interview mit dem USA-Experten Klaus Breil zur aktuellen Situation.
Die Börsen befinden sich nach den Terroranschlägen von New York im
Ausnahmezustand. Sind jetzt Prognosen überhaupt noch möglich?
Klaus Breil: Prognosen sind sehr schwer geworden. Zweifellos werden aber die Zinsmaßnahmen kräftig helfen. Außerdem wird sich die Wirkung der Steuerreform
in den nächsten Monaten weiter entfalten. Darüber hinaus kann die Regierung
einzelnen besonders in Bedrängnis geratenen Branchen - z. B. die Luftfahrt -
mit gezielten Steuermaßnahmen - etwa Aussetzung der Ticketsteuer - gezielt
helfen.
War es angemessen, dass in der Aktienhandel in Asien und Europa schon einen
Tag nach dem Terrorakt weiterging?
Klaus Breil: Darüber kann man natürlich aus emotionaler Sicht lange diskutieren.
Andererseits ist die Liquidität und das Vertrauen darin, daß man Aktien jederzeit
verkaufen kann ein wichtiges Wesensmerkmal der Kapitalmärkte.
Erleichterte Aktienrückkäufe für US-Firmen, Geldspritzen der Notenbanken,
Zinssenkungen - lassen sich die internationalen Finanzmärkte mit solchen
konzertierten Aktionen wieder beruhigen?
Klaus Breil: Ja, auf jeden Fall. Denn hieraus ergeben sich die Perspektiven z. B. für
deutlich sinkende Finanzierungskosten bei den Unternehmen und damit einher-
gehend in der Zukunft wieder positivere Ertragserwartungen. Außerdem wird
das Vertrauen der Verbraucher gestärkt.
Die Kurse sinken nicht erst seit den Attentaten. In den vergangenen 18
Monaten hat die Wall Street bereits einen riesigen Crash auf Raten erlebt -
droht jetzt eine globale Rezession?
Klaus Breil: Nein, das glaube ich nicht. Wir sollten nicht vergessen, daß der Rückschlag bei den Aktienkursen in den vergangenen Monaten eine Folge des deutlich niedrigeren Wirtschaftswachstums war, verglichen mit der Zeit bis zum
Sommer 2000. Immerhin haben wir bis jetzt anhaltend, wenn auch geringeres
Wirtschaftswachstum gehabt.
Welche Auswirkungen hat der steigende Euro, ist Europa jetzt der sichere
Hafen für internationale Anleger?
Klaus Breil: Ein steigender Euro begünstigt den Export der amerikanischen Unternehmen in den "Rest der Welt" und verbessert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Das Gegenteil gilt natürlich für die Europäer. Aber die Gewichte haben sich nicht so verschoben, daß gravierende Verwerfungen zu erwarten wären.
Baron Rothschild kam im 19. Jahrhundert zu seinem Reichtum, weil er kaufte,
als die Kanonen donnerten und verkaufte als die Friedensglocken läuteten.
Kaufen, wenn die Kanonen donnern - gilt diese kaltblütige Börsenweisheit
auch heute noch?
Klaus Breil: Man sollte heute die Situation immer genau analysieren. Dazu haben gerade die Finanzinstitutionen viele Instrumente.
Welche Branchen werden von der gegenwärtigen Krise besonders in
Mitleidenschaft gezogen, gibt es Bereiche, die sich ihrer Meinung nach
besonders schnell erholen oder sogar profitieren werden?
Klaus Breil: Besonders in Mitleidenschaft gezogen sind die Reise-Branchen und damit einhergehend auch z. B. die Flugzeughersteller. Profitieren werden z. B. die Unternehmen, die Sicherheitstechniken, -Systeme und -Dienste anbieten. Außerdem verweise ich darauf, daß die Beschaffung von militärischen
Ausrüstungsgütern schon seit einiger Zeit in einen länger anhaltenden Aufschwung eingetreten ist. Solche Trends dauern üblicherweise einige Jahre.
Tourismuskonzerne und Fluglinien scheinen auch langfristig unter Druck zu
geraten, was ist mit den Finanz- und Versicherungswerten, deren Kurse
ebenfalls kräftig gelitten haben?
Klaus Breil: Die Finanzwirtschaft dürfte die Probleme relativ schnell überwinden.
Hier wurden Kostensenkungen schon vor einiger Zeit angegangen.
Der Telekommunikationssektor hat seit den Höchstständen Indexverluste von
ca. 70 Prozent erlitten. Lohnt es sich jetzt wieder, in gefallene Engel wie
Deutsche Telekom zu investieren?
Klaus Breil: Unter langfristigen Überlegungen kann man das sicherlich erwägen.
Kurzfristig muß diese Branche noch einen hohen Finanzierungsbedarf bewältigen.
Handys haben ja bei den Terroranschlägen eine besondere Rolle gespielt und
die US-Bürger haben im Mobilfunkbereich gegenüber den Europäern einigen
Nachholbedarf. Können Nokia & Co. davon profitieren?
Klaus Breil: Zum zweiten Teil der Frage: Die Penetration ist in Europa in der Tat
deutlich höher. Insofern bestehen für die Mobiltelefon-Hersteller in den USA interessante Absatzperspektiven.
Wie verhalten sich die großen Investmenthäuser (wie Adig) in solchen
Krisensituationen. Geht man schon wieder auf Einkaufstour oder wartet man
ab, bis die Lage klarer ist?
Klaus Breil: Besonnen die Lage analysieren ist das Gebot der Stunde. Außerdem gilt es, die langfristigen Aussichten im Auge zu behalten. Denn Investementfonds-Sparer sind in der Mehrzahl Langfristanleger.
Und wie sollen sich die Kleinanleger verhalten?
Klaus Breil: Die derzeit gedrückten Kurse zum Aufbau eines Investmentfonds-Depots nutzen.
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