Interview mit Peter Lynch
Peter Lynch zur Situation am US-Aktienmarkt nach den Anschlägen
vom 11. September
Am 11. September 2001 hat sich das Leben der Menschen in den USA verändert. Nach den
ersten Tagen des Schocks wurden die Märkte am 17. September wieder für den Handel
geöffnet und die Menschen versuchen nun, den Weg zurück zur Normalität und zum Alltag
zu finden. Angesichts der ungewissen Situation fragen sich viele Anleger: "Wie geht es
weiter mit dem Aktienmarkt, mit der Wirtschaft, und wie sollte ich mich jetzt verhalten?"
Im folgenden Text versucht Peter Lynch, zu diesen Fragen Antworten zu geben und zu
erklären, warum er trotz der schrecklichen Ereignisse weiterhin fest an den US-Aktienmarkt
glaubt.
Peter Lynch ist Vice Chairman der Fidelity Management & Research Company. Er kam
1969 als Analyst zu Fidelity und leitete von 1977 bis 1990 den legendären Fidelity
Magellan Fund (nur für US-Anleger erhältlich). Peter Lynch ist Autor mehrerer Bestseller
zum Thema Aktienanlage ("Der Börse einen Schritt voraus", "Aktien für alle").
Die US-Märkte sind seit ihrer Wiedereröffnung sehr volatil gewesen und hatten zunächst
starke Einbrüche zu verzeichnen. Diese Volatilität ist jedoch nichts Neues, sondern
historisch gesehen eine normale Begleiterscheinung an den Börsen. Seit 1970 ging der USAktienmarkt 21-mal um mehr als 10% zurück und 8-mal um mehr als 20%. Kurzfristig
gesehen müssen wir mit einer unruhigen und schwierigen Börsenperiode rechnen.
Wie geht es weiter am Aktienmarkt?
Obwohl ich seit über 30 Jahren im Investmentgeschäft tätig bin und viele schwierige
Augenblicke miterlebt habe - etwa den Börsencrash von 1987 (als der Dow Jones an einem
einzigen Tag um 23 % einbrach) sowie fünf Rezessionen -, kenne ich die Antwort auf diese
Frage immer noch nicht. Niemand kann mit Gewissheit vorhersagen, in welche Richtung
die nächsten 1.000 Punkte uns führen werden. Marktschwankungen sind wohl keine
angenehme, aber eine normale Erscheinung. Wichtig ist es für uns Anleger, nicht aus den
Augen zu verlieren, aus welchen Motiven heraus wir uns eigentlich am Aktienmarkt
engagieren.
· Wenn wir an der Börse investieren, kaufen wir Anteile an Unternehmen. In der
Geschichte der USA hat es Hunderte großartiger Unternehmen gegeben. Im folgenden will
ich keine Empfehlung für ein bestimmtes Unternehmen aussprechen. Einige werden
weiterhin gute Geschäfte machen, andere werden vielleicht im Laufe der Zeit
verschwinden, aber betrachten wir einfach mal ein paar Beispiele. In den vergangenen
Jahrzehnten haben Unternehmen wie Johnson & Johnson, General Electric, Coca-Cola,
Wal-Mart, Disney und McDonald's ihre Gewinne kontinuierlich steigern können. Zudem
gibt es Dutzende von Unternehmen, die erst vor 20 Jahren gegründet wurden und sich zu
echten Erfolgsstories mit beeindruckendem Gewinnwachstum entwickelten - Unternehmen
wie Microsoft, Dell, EMC, Home Depot, Amgen und Staples, um nur einige zu nennen.
Und auch in den kommenden Jahrzehnten werden Dutzende neuer, profitträchtiger
Unternehmen den Markt erobern und weiter vorantreiben.
· Seit dem zweiten Weltkrieg sind die Unternehmensgewinne um das 63fache, der
Aktienmarkt um das 71fache gestiegen - obwohl es neun Rezessionen und viele andere
wirtschaftliche Rückschläge gab. Der Gewinn pro Aktie hat aller Schwächephasen zum
Trotz jährlich im Schnitt um 9% zugelegt. Diese neun Prozent klingen vielleicht nicht
besonders aufregend, aber bedenken Sie, dass sich die Gewinne damit nach acht Jahren
mathematisch verdoppeln, nach 16 Jahren vervierfachen, nach 32 Jahren versechzehnfachen
und nach 48 Jahren um das 64fache gestiegen sind. Selbst wenn die Gewinnwachstumsrate
auf 6% bis 7% sinken sollte, werden die akkumulierten Gewinne über einen
Zeitraum von 10 bis 20 Jahren immer noch beeindruckend ausfallen.
· Die Aktienmärkte schauen nach vorne, in die Zukunft - dies kann ich mit Gewissheit behaupten. Auch wenn wir derzeit vor einer schwierigen Situation stehen: Jede
wirtschaftliche Erholung seit dem zweiten Weltkrieg wurde von einer Rally am
Aktienmarkt eingeleitet. Und solche Rallies beginnen oft dann, wenn die äußeren
Umstände eher düster sind.
Sicher werden die jüngsten Ereignisse manche Unternehmen und Branchen stärker treffen
als andere. Langfristig jedoch bin ich überzeugt, dass die Unternehmensgewinne in 10
Jahren höher sein werden als heute, in 20 Jahren sogar drastisch höher. Und die Märkte
werden diesem Trend entsprechend folgen.
Wie geht es weiter mit der Wirtschaft?
Viele Ökonomen meinen, dass uns eine Rezession ins Haus steht. Ich selbst bin kein
Ökonom, beschäftige mich aber viel mit Geschichte. Ob es zu einer Rezession kommen
wird oder nicht, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, dass wir in der Vergangenheit
zahlreiche Rezessionen durchmachen mussten - und dass auf jede dieser Rezessionen eine
konjunkturelle Erholung folgte. In den letzten 50 Jahren erlebten die USA viele Zeiträume
wirtschaftlicher Prosperität und andere, die von Unsicherheit geprägt waren. Es gab neun
Rezessionen, drei Kriege, zwei Anschläge auf Präsidenten (ein Präsident starb, ein anderer
überlebte), die Abdankung eines Präsidenten, ein Amtenthebungsverfahren und die Kuba-
Krise - und trotz all dieser Ereignisse haben sich Investments am Aktienmarkt mehr als
gelohnt.
In den vergangenen 12 Monaten hat sich die Konjunktur bereits verlangsamt. Viele hart
arbeitende Menschen haben ihre Jobs verloren - eine schmerzhafte Erfahrung -, und es
stehen wohl noch weitere Kündigungen bevor. "Hintergrundgeräusche" und Medienberichte
werden die Menschen verunsichern und sich auf das Verbrauchervertrauen
auswirken. Aber es gibt einige sehr wichtige Faktoren, die wir im Auge behalten sollten. So sind die Rezessionsphasen seit dem zweiten Weltkrieg weniger schmerzvoll ausgefallen
(von 1948 bis 1991 gingen in diesen Phasen zunehmend weniger Arbeitsplätze verloren),
sie sind kürzer ausgefallen (im Durchschnitt dauern sie ein Jahr, die Erholungsphase im
Schnitt vier bis acht Jahre), und keine dieser Rezessionen geriet außer Kontrolle.
Die USA haben es in der Vergangenheit immer geschafft, auch die schwierigsten Zeiten
gestärkt zu überstehen. Den neun genannten Rezessionen stehen neun Aufschwünge
gegenüber. Es gibt viele Gründe, warum in den USA schwache Konjunkturphasen unter
Kontrolle bleiben. Hier sind einige solche Gründe, die erklären, warum unser
Wirtschaftssystem unverändert stark bleibt und wie diese Faktoren unsere Wirtschaft
ständig neu beleben:
- Staatsausgaben: Diese steigen Jahr für Jahr, ohne Ausnahme. Wenn die Ausgaben von
Verbrauchern und Unternehmen in schwierigen Zeiten zurückgehen, dienen die
Staatsausgaben als Puffer für die Wirtschaft. Die US-Regierung verfügt derzeit über ein
komfortables Haushaltsplus, womit weitere Staatsausgaben ermöglicht werden, selbst
wenn die Steuereinkünfte zurückgehen sollten.
- Immobilienmarkt: Der Preis eines Durchschnittshauses ist seit 30 Jahren nicht mehr gefallen. In den letzten drei Jahren ist der Wert eines Durchschnittshauses um 5-6%
gestiegen. Dadurch verfügen Hausbesitzer über 2 Billionen US-Dollar zusätzlichen
Kapitals, was einen Großteil der Verluste wettmacht, die Privatanleger in den beiden
letzten Jahren am Aktienmarkt erlitten haben.
- Bankwesen: Dieser enorm wichtige Grundpfeiler unserer Wirtschaft befindet sich in
gesunder Verfassung. Regulierung, Liquidität und Einlagensicherung sind
gewährleistet.
- Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit: Die meisten Familien haben ein doppeltes
Einkommen und verfügen auch dann über Einkünfte, falls einer der Ehepartner
arbeitslos wird. Arbeitsplätze in der zyklischen und herstellenden Industrie, die von
Kündigungen stärker betroffen sind, stellen einen wesentlichen geringeren Anteil der
Beschäftigten dar als vor 30 Jahren. Die Arbeitslosenversicherung unterstützt Menschen
auf der Suche nach neuen Jobs.
- Konjunkturrückgang bringt niedrigere Zinsen: Sinkende Zinsausgaben für
Verbraucher wie Unternehmen fördern Konsum und Investitionen (Fabriken,
Ausrüstung, Forschung und Entwicklung).
- Rentensystem: Mehr als 30 Millionen US-Amerikaner beziehen aus Pensions- und
Sozialversicherungskassen ein ständiges Einkommen.
- Ausbildung: An den US-Universitäten studieren inzwischen mehr als 14 Millionen
Studenten. Deren Ausgaben, Studiengebühren und Stipendien bleiben vom guten oder
schlechten Zustand der Wirtschaft relativ unbeeinflusst.
- Gesundheitsausgaben: Über 10% des Bruttoinlandsprodukts entfallen auf die
Gesundheitsbranche, ein weiterer Bereich, der von wirtschaftlichen Veränderungen
weniger betroffen ist. Auch in schwierigeren Zeiten müssen Menschen ihre Ärzte
konsultieren und Medikamente kaufen. Und vor 50 Jahren gab es zudem noch nicht den
Krankenversicherungsschutz von heute.
Was sollte man in den nächsten Tagen und Wochen tun?
Meine Ansichten haben sich in den letzten zwei Wochen nicht geändert, ebenso wenig wie
in den letzten zwei Jahren oder den letzten 20 Jahren. Und sie werden sich auch in zwei
Jahren oder in 20 Jahren nicht ändern. Geld, das Sie in absehbarer Zeit für eine Hochzeit,
eine Anzahlung beim Hauserwerb oder das Studium Ihrer Kinder brauchen, sollten Sie
nicht am Aktienmarkt investieren. Wenn Sie jedoch ausreichende Mittel für Ihre
kurzfristigen Bedürfnisse zurückgelegt haben, dann haben Sie die Zeit auf Ihrer Seite
und der Aktienmarkt ist genau der richtige Ort zum Investieren, wie die Geschichte
gezeigt hat. Und wenn ich von langfristig rede, meine ich nicht etwa "Mittwoch in drei
Wochen", sondern mindestens fünf, zehn oder zwanzig Jahre. An den Börsen gibt es immer
wieder mal schwierige Zeiten, die jetzige Situation zählt dazu. Aber wenn Sie über die
vergangenen 15, 30 oder 50 Jahren am Markt investiert waren, sind Sie heute sicher
glücklich darüber, allen schmerzvollen Zeiten zum Trotz.
Sicher: Trader und Market-Timer, also Anleger, die je nach Marktlage ständig kaufen und
verkaufen, können die schlechten Monate teilweise umgehen - dafür werden sie aber auch
einige der guten Monate verpassen. Aufwärtsbewegungen an der Börse erfolgen oft sehr
schnell. Wer über die vergangenen 40 Jahre ständig in den Markt ein- und ausgestiegen ist
und dabei die 40 besten Monate verpasste, reduzierte seine jährliche Durchschnittsrendite
von 11% auf 3% (also weniger, als ein Geldmarktfonds eingebracht hätte). Market Timing
heißt Spekulieren und zahlt sich selten oder gar nicht aus.
Wie oben schon erwähnt: Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die nächsten 1.000 oder
2.000 Punkte am Markt nach oben oder unten gehen werden - dass jedoch die nächsten
10.000, 20.000 und 40.000 Punkte aufwärts führen, davon bin ich überzeugt. In Industrie,
Gesundheitswesen und Technologie hat es unglaubliche Innovationen gegeben. Wir haben
den Niedergang des Kommunismus und den Aufschwung der freien Marktwirtschaft erlebt.
Inzwischen gibt es ABS-Bremsen, Scanner an der Supermarktkasse, tiefgreifende
Verbesserungen in der Herzchirurgie, künstliche Hüften und Nieren, Medikamente zur
Heilung und Behandlung von Bluthochdruck, Cholesterin und anderen schweren
Krankheiten. Diese Heilmethoden, Erfindungen und Innovationen schaffen Arbeitsplätze,
machen Unternehmen effizienter und steigern den Wohlstand weltweit.
Wenn Sie in die Stärke von Entschlossenheit, harter Arbeit und Innovation in den USA
glauben, dann denken Sie langfristig und glauben Sie an unser Wirtschaftssystem. Ich
glaube fest daran.
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