Hausse hat Anleger auf falschem Fuß erwischt
Dax legt größten 14-Tages-Gewinn in der deutschen Aktiengeschichte hin.
Einige Experten warnen aber vor Bullenfalle
Von Holger Zschäpitz
Berlin - Preussag plus 60 Prozent, BMW plus 55 Prozent, Deutsche Bank plus
49 Prozent und Siemens plus 44 Prozent - Zahlen, die es an der Börse schon
lange nicht mehr gab. Doch seit Freitag, dem 21. September, scheinen
ungeachtet aller politischen und wirtschaftlichen Risiken die guten alten
Zeiten gleich in noch schöneren Farben wieder zurück. Der Dax
legte seither
um fast 25 Prozent zu. Das ist der größte Kurszuwachs in der deutschen
Aktiengeschichte innerhalb von gerade einmal 14 Handelstagen.
Noch eindrucksvoller präsentiert sich die Kursrallye vom
Intraday-Tiefpunkt
bei 3539,18 Zählern. Von hier schoss das Marktbarometer sogar um
ein Drittel
in die Höhe. Damit hat der Dax nicht nur die Verluste nach den
Anschlägen am
11. September ausgeglichen, sondern steht sogar über dem Vorterror-Niveau.
Behielte der Dax sein Aufwärtstempo bei, stünde er schon in 30
Handelstagen
wieder auf dem Allzeithoch von 8064,97 Zählern. Und auch am Neuen
Markt und
den US-Börsen scheinen die Terroranschläge vergessen.
"Wir haben jetzt den umgekehrten Fall vom Abschwung - es gibt nur Käufer,
aber keine Verkäufer", beschreibt der Händler eines großen US-Hauses die
momentane Situation. Bereits kleine Umsätze reichten aus, um die Kurse
kräftig nach oben zu treiben. "Nach den konzertierten Zinssenkungen strömt
jetzt das billige Notenbankgeld in die Aktienmärkte - womit ehrlicherweise
niemand gerechnet hat", so der Händler.
Tatsächlich hat die Hausse der vergangenen beiden Wochen die meisten
Marktteilnehmer auf dem falschen Fuß erwischt. Viele Profis, die mit
Leerverkäufen auf weiter fallende Kurse spekulierten, mussten
sich eindecken
und schoben damit die Rallye weiter an. Aber auch Fondsmanager wurden von
der Hausse überrascht. Einige sitzen noch immer auf hohen
Liquiditätsbeständen und werden jetzt erst wieder in den Markt gezogen.
Mit der Rallye haben sich die Bullen eindrucksvoll zurückgemeldet. Sie
hatten schon länger argumentiert, dass die Folgen der Anschläge unter
Börsengesichtspunkten gar nicht so negativ seien.
"Es klingt pervers, aber
der Anschlag hat endlich die nötige Bereinigung für einen schnelleren
Aufstieg gebracht", sagt Thomas Tilse, Stratege der Adig. Die Unternehmen
schenkten erst jetzt den Anlegern reinen Wein ein, die Ökonomen
führten erst
jetzt mehrheitlich das Wort Rezession im Munde. Das habe den Blick für den
Ernst der Lage geschärft. "Jetzt werden alle Register gezogen - mit Hilfe
der Notenbankpolitiken sowie der staatlichen Konjunkturprogramme ist eine
V-förmige Erholung wahrscheinlicher geworden", sagt Tilse.
Gleichwohl glaubt
der Stratege nicht an einen glatten Durchmarsch der Märkte bis zu
den alten
Höchstständen. "Bis zum Jahresende werden wir zwischen 4200 und
5000 Punkte
pendeln", so seine Prognose.
Denn Tilse findet auch einige Argumente der Bären für plausibel. Die
Börsen-Pessimisten verweisen auf die gestiegene Unsicherheit nach den
Anschlägen und fordern für Aktien eine höhere Risikoprämie. Das hieße im
Klartext, dass Unternehmenspapiere nie wieder in alte Bewertungen
hineinwachsen dürften. Pessimistische Börsianer warnen Anleger
davor, wieder
unbeschwert in den Aktienmarkt zu investieren. Es könne sich beim jüngsten
Kursanstieg um eine Bullenfalle gehandelt haben.
Deka-Fondsmanager Trudbert Merkel setzt dagegen. "Vielleicht werden
bestimmte Branchen dauerhaft einen Abschlag bekommen. Der Gesamtmarkt wird
jedoch mit dem neuen Risikoprofil leben lernen." Er rechnet in
den kommenden
drei Monaten mit einer Bodenbildung beim Dax zwischen 4500 und
5000 Punkten,
sollten nicht weitere Schocknachrichten die Märkte ereilen. "Wenn
klar wird,
dass es 2002 mit der Konjunktur aufwärts geht, sehen wir sogar
noch bessere
Kurse."
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