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Das legale Schneeballsystem

von Robert Rethfeld

Ich kann mich an sogenannte Kettenbriefe erinnern. Man erhielt einen Brief mit einer Liste von Namen und der Aufforderung, den fünf zuoberst stehenden Namen jeweils einen Brief mit einem Geldbetrag X zukommen zu lassen. Der Anreiz war der, daß man die Chance hatte, irgendwann ganz nach oben auf die Liste zu rutschen und ebenfalls Geld zu erhalten. Solange jede Person mitmachte, funktionierte das System. Stockte der Zufluß an Personen, die bereit waren, mitzumachen, brach das System in sich zusammen.

Ende des 19. Jahrhunderts hatte Reichskanzler Bismarck eine geniale Idee: Er wollte das System der privaten Rentenvorsorge durch ein staatliches System ersetzen. Zu jenem Zeitpunkt zahlten die Kinder die Rente ihrer Eltern. Kinder wurden deshalb gern und viel gezeugt. Dieses sich selbst erhaltende System zerstörte Bismarck. Die Einführung des als soziale Großtat gepriesenen staatliche Rentensystems basierte auf der Annahme, daß die Bevölkerung auf alle Zeiten pyramidenartig wächst - auf einem gesunden Unterbau der jungen Bevölkerung sitzt zahlenmäßig ein geringe Zahl älterer Menschen.

Bevölkerungsentwicklung bei konstanter (Zu-)Wanderung, Sterbe- und Geburtenrate: Die Pyramide stellt sich auf den KopfDiese Annahme war falsch, und Bismarck hat sie mit seinem System paradoxerweise selbst zerstört. Indem er die Bevölkerung von der Sorge der individuellen Alterssicherung befreite, konnte diese die Zahl der Kinder reduzieren. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Ein klassischer Fall von Fehlkalkulation. Es ist wie bei den oben genannten Kettenbriefen: Das System wird zerstört, wenn die Betroffenen nicht mehr mitspielen.

Ganz so einfach ist es mit unserem Rentensystem nicht: Diese legale Schneeballsystem wird durch Tricks und Geldumschichtungen am Leben gehalten. Warum? Die steigende Anzahl der Rentner muß versorgt werden. Ein weiterer Faktor, der meist übersehen wird, ist die Alimentation von 5 Mio. Beamten in Deutschland. Diese bekommen ihre Rente, ohne jemals etwas eingezahlt zu haben.

Alle Lösungsansätze für eine Sanierung des Rentensystems haben nicht die Spur einer Chance. Rentenbeitragserhöhung auf 40%? Nicht akzeptabel. Reduzierung der Renten um 50%? Nicht akzeptabel. Einwanderung von 50 Mio. Personen? Nicht akzeptabel. Hinzu kommt die gesetzliche Krankenversicherung, die auf einem ähnlichen System basiert. Der Beitragssatz müßte in den kommenden beiden Jahrzehnten auf 25% (heute 12-14%) steigen, um die Versorgung der älteren Bevölkerung sicherzustellen.

Das alles ist ein schleichender Prozess, der sich spätestens im Jahr 2020 so richtig entfalten wird. Gerade dann, wenn die heute vierzigjährigen (meine Altersgruppe) in Rente gehen wollen, wird die Rentenkasse leer sein. So viel die Politik auch diskutiert: Leute, stellt euch darauf ein, aus der gesetzlichen Kasse keinen müden Euro zu bekommen. Und auch wer verbeamtet ist, sollte sich nicht auf den Staat verlassen. Im Jahr 2020 wird es eine Menge meiner Altersgenossen geben, die sich auf den Staat berufen werden. Und die nichts bekommen. Dies wird zu einem Generationenkonflikt führen. Werden unsere Kinder bereit sein, denjenigen, die nicht vorgesorgt haben, unter die Arme zu greifen? Nein.

Die Auswirkungen einer schrumpfenden Bevölkerung auf die wirtschaftliche Situation eines Landes sind an sich schon gravierend. Hinzu kommt der mangels geringer oder keiner Rente erzwungene Konsumverzicht eines Großteils der älteren Bevölkerung. Ganz offensichtlich werden wir es mit einer wirtschaftlich angespannten Situation zu tun bekommen. Zwischen Jung und Alt werden Verteilungskämpfe stattfinden. Dies wird ein ungleicher Kampf, denn der Großteil der Bevölkerung zählt zu den Alten. Nur die politische Partei, die den Interessen der Alten dient, hat in Zukunft eine Chance, gewählt zu werden. Die jüngeren werden untergepflügt.

Man kann sich vorstellen, daß es Konflikte zwischen Eltern und Nicht-Eltern geben wird. Eltern können darauf verweisen, daß ihre Kinder aktuell Beiträge leisten und damit zum Erhalt des Rentensystems beitragen.

Im Makrobereich, auf gesellschaftlicher und Staatsebene, wird der Einzelne nicht viel ändern können. Er sollte es gar nicht erst versuchen, man reibt sich auf. Das staatliche Rentensystem ist nicht zu retten.

Im Mikrobereich, im eigenen Umfeld, da kann man sehr viel tun. Dazu gehört eine Erziehung der Kinder, die ihnen eine kritische Betrachtung der Handlungsmöglichkeiten des Staates auf den Weg gibt. Die Kinder sollten auf Konfiktsituationen vorbereitet sein. Ich glaube daran, daß Familien- und Freundeskreise für unsere Kinder immer wichtiger werden. Der Staat wird irgendwann kein Geld mehr haben, für eine ausreichende Erziehung unserer Kinder zu sorgen.

Was die persönlichen Handlungsoptionen angeht, so kann man nur eins tun: Finanzielle Vorsorge treffen. Und zwar nicht durch Lebensversicherungen und nicht durch Investmentfonds. Zwei Dinge werden in den kommenden zwei Jahrzehnten gefragt sein: Bar- bzw. Tagesgeld und Gold. Ich kann nur jedem raten, einen Teil seiner Ersparnisse in Gold (am besten Münzen oder Barren) anzulegen. Gold ist seit 5000 Jahren Zahlungsmittel und hat einen anerkannten, handelbaren Wert. Papiergeld wie Dollar oder Euro basieren auf einem Vertrauensverhältnis des Bürgers zum Staat. Das Thema Rente wird nicht nur, aber auch dazu beitragen, daß dieses Vertrauensverhältnis erschüttert wird.

Robert Rethfeld
November 2002


» weiter Informationen vom Statistische Bundesamt:
Bevölkerungspyramide in Deutschland
Bevölkerungsentwicklung Deutschlands bis zum Jahr 2050