Wasser - Der Pictet Global Sector Water
Wasser und Umwelt
Den 1. Fall, bei dem Wasser benutzt wurde, um ein Umweltproblem zu lösen kennen wir aus der griechischen Mythologie: Herakles lenkte einen Fluss um, um den verdreckten Rinderstall des Königs Augias auszumisten. Von daraus resultierenden Umweltbelastungen ist nichts bekannt. Diese Probleme tauchten erst mit der Industrialisierung auf, als viele Menschen in die Ballungszentren drängten und man wiederum Wasser als Transportmittel benutzte, um Dreck aus Hinterhöfen und Latrinen wegzuspülen , die sog. Schwemmkanalisation. Mit ihr überschätzte man aber die Selbstreinigungskraft der Gewässer und durchbrach einen Jahrtausende alten Kreislauf, der auch durch den Bau von Kläranlagen nicht wiederhergestellt werden konnte.
Die Natur kennt verschiedene Methoden, um Wasser von Schmutzstoffen zu befreien. Die wichtigste ist die Verdunstung (s. Wasserkreislauf). Aber auch Bäche und Flüsse sowie das Erdreich dienen als Reinigungsfilter, solange die Verschmutzung nicht zu stark ist. Leider werden heute auch im Grundwasser, dem das meiste Trinkwasser entnommen wird (s. Aquifere) vermehrt Schadstoffe festgestellt.
Algen sind ein Problem: sie bilden sich hauptsächlich aus Kohlenstoff, Stickstoff und besonders Phosphor. Erst als man Mitte der 80iger Jahre begann, die phospathaltigen Waschmittel und die Überdüngung der Landwirtschaft mit Stickstoff zu verbieten, bekam man dies Problem in den fortschrittlichsten Industrieländern in den Griff. Man kann sich das Problem an folgendem Beispiel klar machen: 1 Marmeladebrot besteht aus Marmelade, Butter und Brot; mit den einzelnen Bestandteilen kann man ein bisschen jonglieren, aber nicht unbeschränkt: aus 100 Gramm Marmelade, 1 Kilo Butter und 1 Tonne Brot kann ich kein richtiges Marmeladebrot machen. Die Marmelade ist hier der limitierende Nährstoff. Bei den Algen ist es der Phosphor. Weniger Phosphor bedeutet weniger Algen.
Ein noch ganz ungelöstes gigantisches Problem stellen aber die synthetischen Chemikalien im Wasser dar. Was der Mensch zu sich nimmt, scheidet er wieder aus. Es löst sich nichts in Nichts auf! Antibabypillen, Kopfwehtabletten, Herz-Kreislauf Präparate, Psychopharmaka - sie werden tonnenweise verschrieben, geschluckt und gelangen fast unverändert wieder in die Umwelt. Die herkömmlichen Kläranlagen können diese Chemikalien nicht herausfiltern - hier liegt noch ein sehr großes Betätigungsfeld für die Wasserwirtschaft, besonders da man noch überhaupt nicht weiß, wie die einzelnen Stoffe (als Chemikalienmix) untereinander reagieren.
Da die meisten Chemikalien mit dem Urin wieder ausgeschieden werden, laufen derzeit Versuche mit der sog. NoMix Toilette, welche Urin und Fäkalien in 2 Becken getrennt sammeln. Im vorderen Becken wird Urin aufgefangen und in einen Sammeltank gespült und zu einer Trockenmasse aufbereitet. Das hintere Becken funktioniert wie die klassische Klosettschüssel.
Bei Wasserdesinfektionsverfahren mittels ultravioletten Strahlen werden derzeit 2 Wege beschritten: in Entwicklungsländern legt man Plastikflaschen in die Sonne; das Wasser erwärmt sich über 50 Grad und tötet durch die UV-Strahlung nach über 1 Stunde 99,99% aller Keime ab. Für den industriellen Bedarf an hochreinen Wässern benutzt man ebenfalls UV-Strahlen (Wedeco).
Stichpunkt WASSERproblematik
- Die Wasserproblematik ist fast ausschließlich Süßwasserproblematik. Nur
weniger als 3% der globalen Wassermenge ist Süßwasser, wovon wiederum
knapp 75% in fester Form (Eis) vorkommen. Der jährliche Wasserkonsum
wächst global doppelt so schnell wie die Weltbevölkerung.
- Wassermangel bisher kein großes Problem für die entwickelten Länder (wird aber für die Zukunft prognostiziert), wohl aber in Entwicklungsländern: 1,2 Mrd. Menschen ( 1 von 5) haben kein sauberes Trinkwasser, c. 3 Mrd. leben ohne sanitäre Einrichtungen ( "sie wären besser dran, wenn sie sanitäre Einrichtungen wie die alten Römer hätten!" aus: Peter Gleick, The World´s Water 1998-1999). Nahezu 80% aller Krankheiten werden mit Wasser übertragen. Mehr als 5 Millionen Menschen sterben jährlich an wasserbedingten Krankheiten wie Diarrhöe, Ruhr und Cholera. Weltweit ist derzeit jeder 20ste Todesfall allein auf Diarrhöe zurückzuführen. Jüngste UNO-Prognosen sagen voraus, dass in 2025 1/3 der Menschheit unter akutem Wassermangel leiden könnte und in 2050 der Zugang zu sauberem Wasser bereits wichtiger sein würde als der Zugang zum Erdöl.
- Wasser lässt sich schlecht transportieren (Ausnahme: einige Inseln, die mit Tankschiffen versorgt werden), denn Wasser ist so billig und nimmt zu viel Raum ein, dass Transport über weite Strecken kaum lohnt.
- "Getreide" gilt unter Experten als "virtuelles Wasser", weil viele Länder auf Wasserknappheit mit dem Import von Getreide reagieren. Zur Erzeugung einer Tonne Getreide braucht man ca. 1000 Tonnen Wasser; die Einfuhr von Getreide bringt also einen großen Transportvorteil! Noch schlechter ist die Relation bei Rindfleisch und Baumwolle: zur Erzeugung von 1 Tonne braucht man 15.000 Tonnen Wasser. Bis eine Orange reif ist, hat sie 50 Liter Wasser PRO STÜCK verbraucht!
- Große Kulturen ( die in der Wissenschaft sog. "hydraulischen Zivilisationen") in Flusstälern sind im Altertum an Wassermangel zugrundegegangen: Nil, Euphrat/Tigris, Indus, Gelber Fluss, weil entweder die Sedimente die Verteilungskanäle verstopften oder weil das aus dem Wasser stammende Salz die Böden vergiftete. Diese Kulturen wurden groß, weil sie in der Lage waren, mittels ORGANISATION die umfangreiche Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, die zum Bau und Betrieb der Wasserversorgungsanlagen notwendig war. Bis zur industriellen Revolution lebte die Mehrzahl der Menschen im Einflussbereich hydraulischer Zivilisationen.
- Mehr denn je hängt die moderne Welt von der künstlichen Bewässerung ab: zwar werden weltweit nur 1/5 der des Ackerlandes bewässert, die liefern aber 2/5 aller Nahrungsmittel. Eine weitere Steigerung der Agrarmittelproduktion hängt nicht nur vom Einsatz von Pestiziden/Düngemitteln ab, sondern eben auch vom Wasser: zwischen 1950 - 1995 wuchsen die Erträge aus dem Getreideanbau um 240%, während der Wasserverbrauch durch Bewässerung um 220% zunahm. Der Raubbau, der bisher besonders mit dem Grundwasser betrieben wurde, lässt eine ähnliche Steigerung wie in der Vergangenheit nicht mehr zu.
- Die größten Süßwasserspeicher sind die sog. AQUIFERE - unterirdische Grundwasserleiter. Hier sind 60x so viel Grundwasser gespeichert wie in Seen/Teichen/Flüssen - und hier hat seit der Erfindung der elektr. Wasserpumpen der Raubbau eingesetzt. So wird z.B. 1/5tel der US-Ackerfläche mit Wasser aus dem Ogallala Aquifer (reicht von Texas bis South Dakota) beliefert. Dies ist fossiles Wasser, das nur aus wenigen Quellen wieder aufgefüllt wird, weswegen die Reserven dramatisch zurückgegangen sind und viele Landwirte dort nur noch mit Regenwasser arbeiten können, was die Hektarerträge spürbar senkt. Besonders dramatisch ist die Lage in Indien: hier wird doppelt soviel Grundwassser abgepumpt, wie in die Aquifere nachfließt, weswegen seit den 70iger Jahren in einigen ind. Teilstaaten der Grundwasserspiegel bis zu 30 Metern gesunken ist; mit der Folge, dass einfach stärkere Pumpen eingesetzt werden - das verschärft aber nur das Problem, da jetzt salziges Meerwasser nachfließen kann. Denn der Meerwasserspiegel ist im letzten Jahrhundert um 10-25 Zentimeter gestiegen (da im globalen Wasserkreislauf Wasser ja nicht verloren geht).
- Ein Verbot der Grundwasserentnahme aus den Aquiferen ist praktisch nicht durchsetzbar, weshalb auch kein einziger Staat gesetzliche Vorschriften für den Umgang mit Grundwasser erlassen hat. (Ebenso fehlen bis heute im Völkerrecht jedwede verpflichtende Regeln für die Aufteilung grenzüberschreitender Oberflächengewässer - was schon zu erheblichen politischen Konflikten geführt hat: Israel bezieht heute 2/3 seines Wassers aus Gebieten, die im Krieg von 1967 erobert wurden. Deswegen kann 1 Israeli heute zehnmal mehr Wasser verbrauchen als 1 Palästinenser). Eine Folge des Zugriffs auf "zu billiges" Wasser sind die niedrigen Getreidepreise ( die globalen Agrarpreise sind auf dem tiefsten Stand seit 2 Jahrzehnten!). Gelänge es, das Überpumpen zu stoppen, so würden die Getreidepreise vermutlich spürbar anziehen.
- Der Bau von überirdischen Talsperren/Stauseen ermöglicht zwar Stromproduktion, ist aber ein untauglicher Versuch, der nicht lösbaren unterirdischen Wasserproblemen Herr zu werden: im Durchschnitt verringert sich die Speicherkapazität durch Verschlammung um über 1% p.a. ( in China mit den leicht löslichen Böden um 2,3% p.a.). Das größte Problem jedoch stellen Verdunstung und Versalzung dar: so verdunstet beispielsweise ein Drittel der durch den 1935 eingeweihten Hoover Damm aufgestauten Fließmenge des Colorado auf dem Weg durch die Stauseen. Im Restwasser, das für die Bewässerung genutzt wird, steigt die Salzkonzentration. Da dasselbe Wasser des Colorado auf seiner Reise 18 mal für die Bewässerung genutzt wird, hat sich sein Salzgehalt verdoppelt. - Jeder Staudamm vergiftet nach und nach das umliegende bewässerte Land: verbraucht 1 Bauer die übliche Menge von 10.000 Tonnen Wasser pro Hektar p.a., so nimmt damit das Land 2-5 Tonnen Salz p.a. auf. Jedes Jahr werden dadurch 1 Mio. Hektar Ackerland unfruchtbar, bei zusätzlichen 2 Mio. Hektar sinkt der Ertrag spürbar. Mesopotamien ist im Altertum daran zugrundegegangen, der ARAL-See in Zentralasien heute.
- Global sind heute 40.000 große und 800.000 kleine Talsperren in Betrieb, die ca. 1/5tel des weltweiten Strombedarfs decken. In Nordamerika und Nordeuropa werden keine weiteren Staudämme mehr gebaut; in den Entwicklungsländern werden von der Weltbank solche Projekte kaum noch finanziert: die Umweltschäden besonders für die Landwirtschaft sind zu groß.
- 70% des weltweit von Menschen verbrauchten Wassers gehen in die Landwirtschaft. Aber: Wasser, das in der (z.B. chinesischen) Industrie eingesetzt wird, produziert 70x so viel wirtschaftlichen Wert wie Wasser, das in der Landwirtschaft eingesetzt wird.
- Zur Problemlösung arbeitet man derzeit auf 3 verschiedenen Gebieten: Wasserentsalzung, Tropfbewässerung, gentechnisch verbesserte Pflanzen. Letzteres ist u.a. Gegenstand des Biotech Fonds. Ob es aber gelingt, Feldfrüchte mit geringerem Wasserbedarf zu züchten bleibt noch ungewiss; Erfolge bei höherer Resistenz gegen Insekten, Krankheiten und Schadstoffe sind zu verzeichnen. - Die Steigerung der Wasserergiebigkeit auf 95% durch Tropfbewässerung ( crop per drop= mehr Ernte pro Tropfen) hat seit den 60iger Jahren, seit man billige Plastikleitungen einsetzen konnte (Israel), den Wasserverbrauch um 30-70% gesenkt und die Erträge um 20-90% gesteigert - aber weltweit gegenwärtig nur auf 1% der bewässerten Böden. Hier schlummert Potential trotz der immer noch relativ hohen Kosten ( 500-1.000 US-$ für 4.000 Quadratmeter Land). - 60% der insgesamt 11.000 existierenden Wasserentsalzungsanlagen befinden sich im Nahen Osten, wo Ackerbau unwirtschaftlich, Treibstoff billig und die Staaten reich sind: kostet der Kubikmeter entsalztes Wasser doch bis zu 2 US-$. Erst wenn der Preis deutlich unter 30 cents fallen würde, könnte mit verstärktem Einsatz in der Landwirtschaft gerechnet werden.
- Las Vegas, die am schnellsten wachsende Metropole im trockensten US-Bundesstaat, wurde, da völlig abhängig vom Wasser aus dem Colorado, erst nach dem Bau des Hoover Damms lebensfähig und gilt heute als Sinnbild der Wasserverschwendung. Mitten in der Wüste zeigt die Unterhaltungsindustrie die größten Wassershows. Nur: trotz eines Wassererhaltungsplans, der die monatliche Wasserrechnung für Wasserverschwender auf 900 $ steigen lässt, muss ab 2007 damit gerechnet werden, dass der Stadt das Colorado Wasser ausgeht.
Quelle:
DU, Die Zeitschrift der Kultur, März 2001 / Heft Nr. 714
Wasser, Das Thema des Jahrhunderts
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