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Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa

1. Begriffliche Grundlagen

1.1. Kapitalmarkt

Definition
Der Begriff des Kapitalmarktes ist in der Literatur weder vollständig noch eindeutig zugewiesen, was primär darin begründet liegt, daß der Austausch von Kapital in den verschiedensten Formen vorgenommen werden kann. Es finden sich jedoch oft Hinweise auf Kapitalmärkte im weiteren und im engeren Sinn. Eine der umfassenderen Definitionen gibt Schmidt (1996): "Der Kapitalmarkt ist die Gesamtheit aller Möglichkeiten, frühere gegen spätere Zahlungen zu tauschen, wobei eine Zahlung heute den Preis für die zugehörige Gegenleistung in Form zukünftiger Zahlungen angibt."

In dieser Arbeit steht der Kapitalmarkt im engeren Sinn im Vordergrund, auf dem Kapitalgüter, also Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen, gehandelt werden. Ein solcher Markt sorgt für den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage nach und an Wertpapieren über Börsen und ähnliche Institutionen. Im Sinne der weiter unten folgenden Behandlung neo-institutionalistischer Ansätze und deren Konzentration nicht nur auf das Kapitalgut an sich, also auf Ansprüche auf einen Anteil des Ertragswertes eines Unternehmens , sondern vor allem auch auf die mit ihm verbundenen Verfügungsrechte, erfolgt eine Eingrenzung auf die jeweiligen nationalen Märkte, auf denen Unternehmensanteile gehandelt werden. Unter diese Definition fallen somit für viele der b etrachteten Länder in erster Linie die jeweiligen nationalen Börsen, ebenso aber auch andere, oft nicht organisierte Märkte.

Ein Markt muß nicht notwendigerweise physisch existieren, solange er die an den Transaktionen beteiligten Parteien in geeigneter Form zusammenführt . Der Wert der Kapitalgüter, der durch die Preisbildung auf dem Kapitalmarkt objektiviert wird, bestimmt sich nach der Erwartung zukünftiger Zahlungsströme, wobei im Kapitalmarktgleichgewicht eine Anlage dann fair bewertet ist, wenn der Kapitalgüternutzen dem Kapitalbetragsnutzen entspricht.

Funktionen des Kapitalmarktes
Die Aufgaben, die der Kapitalmarkt wahrnimmt, lassen sich durch vier grundlegende Transformationsprozesse beschreiben:

  • Transformation von Spar- in Anlagekapital
  • Mengentransformation
  • Fristentransformation
  • Risikotransformation

Das Vorhandensein eines Kapitalmarktes ermöglicht zunächst eine effiziente Transformation von Spar- in Anlagekapital, da durch die Wettbewerbskräfte die Kapitalallokation so erfolgt, daß "eine Steuerung des knappen Kapitals ‘zum besten Wirt’", also zur produktivsten Investition, gewährleistet ist.

Gleichzeitig werden in diesem Prozeß gewöhnlich die eingesetzten Beträge transformiert und so ein Spitzenausgleich vorgenommen. Vor allem über Kapitalsammelstellen wie Banken und Versicherungen können Investitionen in nahezu beliebiger Höhe realisiert werden, für die ohne einen funktionstüchtigen Kapitalmarkt ausreichend finanzstarke Investoren gefehlt hätten.

Darüber hinaus erlaubt die Fristentransformationsfunktion, daß individuelle Anleger bei ausreichender Fungibilität eines Wertpapiers nur kurzfristig Investitionskapital zur Verfügung stellen, da sie dieses jederzeit an andere Marktteilnehmer abtreten können. Für den Kapitalnehmer hingegen, der mit dem zur Verfügung gestellten Kapital Realinvestitionen tätigt, ist die Langfristigkeit der Investition gewahrt, da seine Verbindlichkeit investorenunabhängig ist.

Schließlich bietet der Kapitalmarkt die Möglichkeit der Risikotransformation, so daß in Abhängigkeit der Finanzierungsform Eigen- und Fremdkapitalgeber zwischen verschiedenen Rendite-Risiko-Strukturen wählen können.

Vollkommener Kapitalmarkt
Die Modelle der neoklassischen Investitions- und Finanzierungstheorie, die eine Preisbildung von Wertpapieren im Kapitalmarktgleichgewicht unterstellen, gehen von der Vorstellung eines vollkommenen Kapitalmarktes aus. Dieser ist nur dann vorhanden, wenn der Preis eines jeden gehandelten Zahlungsstroms identisch für alle Marktteilnehmer ist. Im wesentlichen handelt es sich also um die Annahme der vollkommenen Konkurrenz, die Rückschlüsse auf den Mechanismus der Preisbildung zuläßt, indem Marktteilnehmer einzig als Mengenanpasser auftreten, die einen objektiv fairen Preis akzeptieren müssen und nur zu diesem als Käufer oder Verkäufer auftreten können.

Der vollkommene Kapitalmarkt ist die Voraussetzung dafür, daß in der neoklassischen Mikroökonomie ein durch den Marktmechanismus erzeugtes Gleichgewicht eintreten kann. Werden Tauschvorteile dagegen, wie in der Realität zu beobachten, durch Transaktionskosten geschmälert, wirkt sich dies in einer Unvollkommenheit des Marktes aus.

Vollstaändiger Kapitalmarkt
Vollständigkeit ist die zweite Bedingung, welche die Neoklassik an einen idealtypischen Kapitalmarkt stellt. Zahlungsströme, die Investoren auf dem Kapitalmarkt kaufen oder verkaufen wollen, müssen in jeder beliebigen Höhe handelbar und entsprechend auch beliebig teilbar sein. Dies setzt ein hohes Maß an Informationseffizienz, auf die später noch eingegangen werden soll, voraus. Scheitert die Forderung daran, daß diese Effizienz nicht gewährleistet werden kann, oder daran, daß die dafür aufzuwendenden Kosten zu hoch sind, ist die Vollständigkeit des Marktes gefährdet.

Klassifikation von Kapitalmarkt und Kapitalgütern
Gewöhnlich existieren in jedem Land verschiedene Kapitalmarktsegmente. Eine solche Segmentierung unterscheidet zwischen dem regulierten und dem freien , dem sogenannten grauen Kapitalmarkt, an dem Wertpapiere teilweise direkt zwischen Anbietern und Nachfragern gehandelt werden. Eine zweite Unterteilung kann zwischen den Emissions- und Zirkulationsmärkten getroffen werden. Am Emissionsmarkt werden Finanzierungstitel erstmals plaziert, während am Zirkulationsmarkt bereits umlaufende Titel gehandelt werden. Die gängigsten Kapitalgüter, die über einen Kapitalmarkt gehandelt werden, sind Aktien, die einen Anteil an einem Unternehmen in Form von Eigenkapital verbriefen, und Anleihen, die von Zentralbanken, staatlichen Stellen oder Unternehmen zur Fremdfinanzierung ausgegeben werden.

Für die in dieser Arbeit betrachteten Märkte sind als Kapitalgüter zusätzlich Kupons und Brady-Bonds zu nennen. Kupons, auch Vouchers genannt, sind im Rahmen der jeweiligen Privatisierungsprozesse an die Bevölkerung ausgegebene oder verkaufte Berechtigungsscheine, die gegen Aktien eingetauscht werden und am Kapitalmarkt gehandelt werden können. Brady-Bonds sind nach dem ehemaligen amerikanischen Finanzminister Nicolas Brady benannte Schuldtitel, die aus Umschuldungsabkommen mit internationalen Gläubigern entstanden sind und wie Staatsanleihen bewertet werden. Allerdings verfügen sie über eine weit höhere Bonität als gewöhnliche Schuldtitel, da sie mit anderen Anleihen, vor allem amerikanischen Staatsanleihen, besichert sind. Die damit verbundene Möglichkeit des teilweisen Schuldenerlasses haben vor allem Bulgarien und Polen wahrgenommen.

Regionale Abgrenzbarkeit
Im Rahmen dieser Arbeit werden vornehmlich die nationalen Kapitalmärkte der ausgewählten Länder betrachtet. Die verschiedenen Möglichkeiten der Finanzierung, welche die internationalen Kapitalmärkte bieten , sollen hier aber kurz Erwähnung finden, da sie nicht autark betrachtet werden können und ein Feedback-Effekt auf die nationalen Märkte zu erwarten ist. Neben einem direkten Engagement vor Ort, das für den Investor aufgrund unbekannter Gegebenheiten als ungünstiger zu bewerten ist, können an ausländischen Börsen gehandelte Depositenscheine erworben werden, die einen Anteil an einem inländischen Aktiendepot verbriefen.

Daß ein Kapitalmarkt nationalen Grenzen keinesfalls unterworfen sein muß, wird am Beispiel des Handels mit ungarischen Aktien deutlich, die anfangs zu 80 Prozent an der Wiener Börse gehandelt wurden , wobei die Ursache hierfür in der problematischen Abwicklung an der Heimatbörse zu sehen ist. Bei dem russischen Unternehmen Vimpel Communications, bisher das einzige an der New York Stock Exchange (NYSE) notierte, werden sogar 20 Prozent des Grundkapitals im Ausland über ADRs gehandelt. Staatsanleihen der osteuropäischen Länder werden dagegen direkt entweder in der Form von Eurobonds oder den schon erwähnten Brady-Bonds international notiert.

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