Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
2. Ansätze der neoklassischen Finanzierungstheorie
2.2 Portfolio-Selection-Modell
Herleitung des Modells
Die Grundüberlegungen der modernen Portfoliotheorie gehen zurück auf Harry M. Markowitz (1952),
an den in später Anerkennung seiner Verdienste 1990 der Nobelpreis für
Wirtschaftswissenschaften vergeben wurde. In einem damals noch wenig beachteten Artikel
beschrieb Markowitz erstmalig, wie nicht nur Rendite-, sondern auch Risikoaspekte einer
Wertpapieranlage gezielt quantitativ erfaßt werden können. Sein Ansatz vermittelt ein
Verständnis dafür, daß bei Unsicherheit auf vollkommenem und vollständigen Kapitalmärkten die
von einem Wertpapier erwarteten Zahlungsströme entsprechend ihres Unsicherheitsgrades bewertet
werden müssen und somit verschiedene Zinssätze aufweisen können.
Markowitz wollte mit seinem Modell primär eine wissenschaftliche Erklärung für die empirische
Beobachtung finden, daß Anleger ihr Vermögen nicht ausschließlich in dasjenige Wertpapier
investieren, von welchem sie die höchste Rendite erwarten, sondern dieses intuitiv auf mehrere
Wertpapiere aufteilen. Diesen Vorgang bezeichnete Markowitz in seiner ersten Veröffentlichung
mit "naiver Diversifikation". Darüber hinaus war Ziel seiner Arbeit, Anlegern die Möglichkeit
zu geben, die für sie optimale Rendite-Risko-Struktur bei einer Anlage in Wertpapiere zu
realisieren, also ein Instrument zur Hand zu geben, das den Zielkonflikt zwischen maximaler
Rendite und minimalem Risiko abbilden und dadurch zur Entscheidungshilfe werden konnte.
Um die theoretischen Aussagen des Portfolio-Selection-Modells nachvollziehen zu können, müssen
zunächst einige Prämissen vorgestellt werden, auf denen dieses Optimierungsmodell für den
Anlageprozeß basiert:
- Investoren verhalten sich sowohl rational als auch risikoavers. Von zwei
Anlagemöglichkeiten wählen sie daher stets diejenige aus, die entweder bei gleichen
Renditeerwartungen ein geringeres Risiko aufweist oder bei gleichem Risiko eine höhere Rendite
verspricht.
- Zielgrößen bei der Berechnung eines für den Anleger optimalen Portfolios sind entsprechend
maximale Rendite und gleichzeitig minimales Risiko.
- Die zu erwartenden Renditen sind grundsätzlich nicht vorherbestimmbar, mit subjektiven
Wahrscheinlichkeiten unterlegt und weisen eine Normalverteilung um einen Erwartungswert auf.
- Das Risiko einer Anlage wird an den Schwankungen der erwarteten Erträge gemessen.
- Der Kapitalmarkt weist keinerlei Friktionen auf. Im Modell existieren daher weder
Transaktionskosten noch diskriminierende Steuern. Wertpapiere sind außerdem bei vollständiger
Konkurrenz des Marktes beliebig teilbar.
Rendite und Risiko von Wertpapieranlagen
Werden zunächst einzelne Wertpapiere betrachtet, so ergibt sich deren erwartete Rendite aus der
Summe der mit den Eintrittswahrscheinlichkeiten verschiedener prognostizierter Umweltzustände
gewichteten möglichen Renditen. Markowitz unterstellt, daß Finanzanalysten in der Lage sind,
die angesprochenen Wahrscheinlichkeiten hinreichend genau einzuschätzen. Vor dem Hintergrund
der Annahme, daß eine Normalverteilung der erwarteten Renditen vorliegt, ist es möglich, das
Risiko einer Anlage durch das statistische Maß der Varianz oder der Standardabweichung zu
quantifizieren. Das Risikomaß ergibt sich also aus der Varianz der Streuung aller möglichen
erwarteten Renditen um den Wert, der als tatsächlich zu erwartende, also wahrscheinlichste
Rendite berechnet wird. Durch die Kombination von erwarteter Rendite und zugehörigem Risiko
lassen sich nun verschiedene Anlagealternativen vergleichen und bewerten.
Entgegen dem allgemeinen Empfinden von Risiko, durch negative Abweichungen Verluste zu
erleiden, werden in den Theorien unter "Risiko" positive und negative Abweichungen vom
berechneten Erwartungswert verstanden. Das Risiko wird also bei größerer Streuung um den
Erwartungswert höher, ohne Rücksicht auf möglicherweise damit verbundene günstige Effekte zu
nehmen. Für die Volatilitäten in vermutet unterbewerteten Emerging Markets wird von einigen
Analysten daher ein Risikomaß verwendet, das nur negative Abweichungen einbezieht.
Markowitz beobachtete, daß Investoren nicht darauf abstellen, exklusiv ein einziges Wertpapier
auszuwählen, bei dem sie die für sich geeignetste Rendite-Risiko-Struktur ausmachen. Vielmehr
waren und sind Anleger zumindest intuitiv bemüht, das einzelnen Wertpapieren inhärente Risiko
abzuschwächen, indem sie ihr Vermögen auf mehrere Anlagen aufteilen. Bei verschiedenen
unabhängigen Risikoeigenschaften der Wertpapiere, so vermutete Markowitz , würde eine breitere
Streuung des Anlagevermögens zu einer Minderung des Risikos führen, das eingesetzte Kapital zu
verlieren. Die Portfoliotheorie erlaubt es, den hier implizierten Diversifikationseffekt
mathematisch belegen zu können.
Auf die zu erwartende Rendite hat eine Aufteilung des Vermögens auf mehrere Anlageobjekte
keinerlei überraschende Auswirkungen, da diese sich aus der Summe der mit den einzelnen
Gewichtungen der unterschiedlichen im Portfolio enthaltenen Wertpapiere multiplizierten
erwarteten Renditen ergibt. Sollte ein Portfolio daher aus verschiedenen Wertpapieren bestehen,
die trotz unterschiedlichen Risikos die gleiche Renditeerwartung aufweisen, so ist dies
gleichzeitig auch die Rendite, die für das Gesamtportfolio vermutet wird.
Dagegen hat die Anlagediversifikation auf das durch die Varianz gemessene Risiko des Portfolios
erhebliche Auswirkungen. Der risikomindernde Effekt liegt darin begründet, daß die zeitliche
Verteilung positiver wie negativer Erträge zweier Wertpapiere in der Realität niemals identisch
sein wird. Nur in diesem einzigen Fall, also bei perfekter Korrelation der Anlageerträge, wäre
das Risiko eines Portfolios identisch mit dem Risiko der einzelnen in ihm enthaltenen Anlagen.
Je nach Ausmaß des Gleichlaufs der möglichen Erträge bestimmt sich daher die durch eine
Portfolioinvestition realisierbare Risikominderung. Um das Risiko anhand der Varianz des
Portfolios zu erfassen, hat Markowitz eine Formel entwickelt, die abhängig vom Anteil der
jeweiligen Wertpapiere im Portefeuille und deren jeweilige Kovarianz eine solche Bestimmung
erlaubt.
Zur Veranschaulichung dieser Beziehung sollen die beiden Extremfälle einer Korrelation von 1
bzw. eine solche von -1 dienen. Sind die Erträge zweier Wertpapiere perfekt positiv korreliert
(r=1), so ist eine Diversifikation wirkungslos, da beide eine in gleichem Maße positive oder
negative Entwicklung zeigen. Dem gegenüber würde bei einer perfekt negativen Korrelation (r=-1)
unter der Annahme gleicher erwarteter Erträge und gleicher Varianz das Risiko vollständig
eliminiert. Nur in diesem Fall wäre das Risiko vollständig durch Diversifikation eliminiert und
der erwartete Ertrag mit Sicherheit erzielbar. Allerdings herrscht in der Realität zumindest
eine geringe positive Korrelation zwischen den Wertpapiererträgen, so daß ein wirklich
risikoloses Portfolio nicht konstruiert werden kann.
Aus dieser Erkenntnis läßt sich für den Anleger die Strategie ableiten, Wertpapiere mit
möglichst niedrigen Korrelationen in seinem Portfolio zu halten, da die Risiken
diversifizierter Portfolios regelmäßig geringer ausfallen als die der Einzelwerte, während die
gewichtete Rendite konstant bleibt. Es kann also offenbar eine Struktur so gewählt werden, daß
trotz einer gleichen Rendite geringere Wertschwankungen, also ein geringeres Risiko, auftreten
als bei jedem einzelnen Wert des Portfolios. Dabei ist nur bis zu einem gewissen Grad relevant,
in wie viele Wertpapiere er investiert, da empirisch nachweisbar ist, daß bereits ab etwa 20
Wertpapieren eine Konvergenz zum nicht eliminierbaren Marktrisiko, auf das später noch
eingegangen werden wird, gegeben ist. Bei einem relativ engen Portfolio und dadurch geringer
Diversifikation ist davon abzusehen, Werte der gleichen Branche einzubeziehen, da davon
ausgegangen werden muß, daß hier aufgrund einer ähnlichen Exposition gegenüber externen
Einflüssen eine hohe Ertragskorrelation gegeben ist.
Effiziente Portfolios
Werden sämtliche möglichen Anlagekombinationen nach ihrer Rendite-Risiko-Struktur in einem
Diagramm aufgetragen, so läßt sich bestimmen, welche Portfolios in Bezug auf die beiden
Dimensionen Rendite und Risiko überlegen und welche unterlegen sind. Dabei muß sowohl die
Zusammenstellung der einzelnen Werte als auch deren jeweilige Gewichtung innerhalb des
Portfolios Berücksichtigung finden. Es lassen sich demnach Portfolios identifizieren, die sich
dadurch auszeichnen, daß es keine andere Wertpapierkombination gibt, die
- bei vorgegebenem Renditeerwartungswert ein geringeres Risiko oder
- bei vorgegebenem Risiko einen höheren Renditeerwartungswert oder
- sowohl einen höheren Renditeerwartungswert als auch ein niedrigeres Risiko
aufweisen. Diese Portfolios liegen auf der sogenannten Effizienzlinie und sind unter der
Annahme des risikoaversen und rational handelnden Anlegers die einzigen für eine Investition in
Frage kommenden Wertpapieranlagen. Es wird deutlich, daß für eine höhere Rendite in jedem Fall
auch ein höheres Risiko eingegangen werden muß.
Abbildung 1: Kurve effizienter Portfolios und optimales Portfolio
als Tangentialpunkt der Indifferenzkurve
Aus der Grundgesamtheit der effizienten Portfolios muß nun durch den Investor das für ihn
optimale Portfolio gewählt werden. Je nach dem Grad der Risikoaversion des Anlegers ergeben
sich individuelle Indifferenzkurven, die abbilden, welchen Renditemehrertrag er als
Kompensation für die Inkaufnahme eines höheren Risikos verlangt (man spricht hier auch von der
individuellen Risikoneigung und der entsprechenden Nutzenfunktion). Der Tangentialpunkt
zwischen den parallelen Indifferenzkurven und der Effizienzlinie kennzeichnet das individuell
optimale Portfolio des Anlegers. Ein risikoaverser Anleger wird daher ein Portfolio auswählen,
welches links unten auf der Effizienzkurve liegt, während ein risikobereiterer Anleger ein
solches realisieren wird, bei dem ein darüber liegendes Risiko auch mit einem höheren
Renditeertrag vergütet wird.
Kritische Würdigung des Portfolio-Selection-Modells
Durch Markowitz gelang die explizite und statistisch erfaßbare Berücksichtigung des Risikos von
Wertpapieranlagen, die heute nicht nur in der Wertpapierverwaltung, sondern auch in der
strategischen Planung von Unternehmen zum Einsatz kommt, wobei die Risiken einer Investition
gegen deren Chancen abgewogen werden. Gleichzeitig wurde die bis dahin vorherrschende
eindimensionale Betrachtungsweise der reinen Renditemaximierung durch die bis heute aktuelle
zweidimensionale Betrachtung ersetzt, mittels der Investitionen nach beiden Dimensionen
bewertet werden können.
Obwohl der Markowitz’sche Ansatz bis heute aktive Verwendung im professionellen
Portfolio-Management findet, enthält er einige Defizite. Zur Ermittlung der Varianz setzt das
Portfolio-Selection-Modell entweder Datensicherheit voraus oder muß historische Daten in die
Betrachtung einbeziehen. Für den Anleger aber sind einzig zukünftig effiziente Portfolios von
Bedeutung. Zudem ist die Anzahl der zur Berechnung der effizienten Portfolios benötigten Werte
(für n Anlagetitel müssen n erwartete Renditen, n Varianzen sowie n(n-1)/2 Kovarianzen
ermittelt werden) umfangreich und damit gleichzeitig anfällig für Fehlereinflüsse. Einige Daten
können ohnehin nur geschätzt werden. Bei einer rein technischen Analyse werden in der Regel nur
historische Daten berücksichtigt, so daß erwartete Renditen einzig auf Prognosen aus
Vergangenheitswerten beruhen. Darüber hinaus hält die Prämisse, daß Wertpapiere beliebig
teilbar sind, einer Überprüfung mit der Realität nicht stand , so daß die Portfolios der
Effizienzlinie nicht notwendigerweise auch den Rahmenbedingungen der Anleger entsprechen.
Vor allem unter Berücksichtigung der Transaktionskosten wird ein theoretisch effizientes
Portfolio in der Praxis nicht so zu realisieren sein, daß der durch eine Umschichtung gewonnene
Mehrnutzen die damit verbundenen Kosten deckt bzw. übersteigt. Auch rechtliche
Rahmenbedingungen können verhindern, daß das für einen Anleger unter Berücksichtigung seiner
Präferenzen real optimale Portfolio auch auf der Effizienzlinie liegt. Selbst bei rationalen
Anlegern ist zu erwarten, daß diese unterschiedliche Erwartungen bezüglich künftiger Renditen,
Varianzen und Kovarianzen haben. Für verschiedene Investoren kann daher die Effizienzlinie
durchaus unterschiedlich verlaufen.
Der größte Schwachpunkt des Modells wird darin gesehen, daß im Gegensatz zu dem sehr intensiven
Aufwand, die Effizienzlinie zu berechnen, die Nutzenvorstellung des Anlegers in Form seiner
Risikopräferenzfunktion nur sehr subjektiv ausgedrückt und entsprechend innerhalb des Modells
umgesetzt werden kann. Anlegerspezifisch ist ebenso die Annahme, daß auf dem Markt keine
Steuern existieren. In der Realität kann sich - abhängig von individuellen Steuersätzen - eine
völlig unterschiedliche Bewertung einzelner Aktien ergeben, was vor allem dann entscheidend
ist, wenn die Wahl zwischen der Anlage in einen Wachstumswert, bei dem sich die Rendite
wesentlich durch realisierte Kursgewinne, oder einem Dividendentitel getroffen werden muß.
Auch das Maß der Varianz als Einschätzung des Risikofaktors ist in der Literatur nicht
unumstritten, da hierdurch auch positive - und damit wünschenswerte - Abweichungen als
risikosteigernd in die Berechnung eingehen. Da das Modell jedoch auf der Annahme aufbaut, daß
Abweichungen um den erwarteten Ertrag normalverteilt sind, ist die Varianz jedoch nach
Einschätzung Markowitz’ durchaus ein adäquates Risikomaß . In der Realität ist zu beobachten,
daß sich die Volatilität häufig allein durch Schwankungen nach oben erklärt . Der besondere
Anreiz der Kapitalmärkte in den Emerging Markets für ausländische Investoren liegt jedoch genau
darin begründet, daß starke Kursveränderungen, nämlich Kurssteigerungen, erwartet werden.
Dadurch ließe sich aber aus der Volatilität eines Wertpapiers, isoliert betrachtet, noch keine
Aussage zu dessen Rendite-Risiko-Struktur treffen.
|