Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
2. Ansätze der neoklassischen Finanzierungstheorie
2.3 Einfaktorenmodell nach Sharpe
Herleitung des Modells
Auf Basis der Erkenntnisse von Markowitz entwickelte Sharpe (1963) das Einfaktoren- oder
Indexmodell, mit Hilfe dessen die Problematik der im Portfolio-Selection-Modell benötigten
umfangreichen Anzahl zu verarbeitender und zu schätzender Daten vereinfacht werden sollte. Die
Möglichkeit der Vereinfachung ergibt sich nach Sharpe durch die Erkenntnis, daß nicht nur eine
perfekt negative Korrelation vollständig ausgeschlossen ist, sondern daß im Gegenteil sogar ein
enger Zusammenhang zwischen den Kursentwicklungen einzelner Wertpapiere besteht. In der
Realität ist zu beobachten, daß mehrere externe Einflüsse existieren, von denen alle
Wertpapiere betroffen sind und auf die sie in unterschiedlichem, aber vergleichbarem Ausmaß
reagieren.
Sharpe kam zu der Erkenntnis, daß u. a. zwischen dem Bruttosozialprodukt, der Preisentwicklung
oder auch der allgemeinen Marktentwicklung und dem Kursverlauf einzelner Wertpapiere ein
Zusammenhang bestehen müsse. Durch diese Überlegung ist es möglich, die Rendite eines
Wertpapiers gedanklich in einen marktspezifischen, von der Gesamtmarktentwicklung abhängigen
und einen wertpapierspezifischen, von der Marktentwicklung unabhängigen Anteil zu zerlegen. Das
Ausmaß der Abhängigkeit der Entwicklung eines Wertpapiers von dem gewählten Index wird anhand
von Vergangenheitswerten durch eine lineare Regressionsanalyse ermittelt und durch einen
Koeffizienten, der die Sensitivität auf Indexveränderungen ausdrückt, beschrieben.
Kritische Würdigung des Indexmodells
Der Ansatz des Indexmodells bietet die Möglichkeit einer wesentlichen Vereinfachung, da
entgegen dem Portfolio-Selection-Modell nicht mehr die Kovarianzen zwischen allen einzelnen
Wertpapieren Einfluß finden müssen, sondern einzig der Sensitivitätskoeffizient maßgeblich für
die Kovarianz zwischen den Wertpapieren ist.
Die Überlegungen des Indexmodells sind grundsätzlich dieselben wie die des
Portfolio-Selection-Modells, so daß die für das Markowitz’sche Modell geltenden Defizite auch
für das Indexmodell zum Tragen kommen. Darüber hinaus ist aber die zu Zwecken der Vereinfachung
aufgestellte Annahme unkorrelierter Restrisiken über denen des Gesamtmarktes zu pauschal. Es
ist davon auszugehen, daß Ertragsschwankungen eines Unternehmens nicht vollständig autark
betrachtet werden dürfen und entgegen den Annahmen Sharpes entweder in Beziehung zu den
Schwankungen anderer Unternehmen der gleichen Branche stehen oder Auswirkungen auf verbundene
Unternehmen haben können. Eine Betrachtung der zwischen den einzelnen Wertpapieren unabhängig
vom Bezug zu einem Index bestehenden Residualkorrelationen entfällt somit.
Die Bestimmung effizienter Portfolios ist daher unter Informationsverlust im Indexmodell weit
ungenauer als im Portfolio-Selection-Modell, bei dem über die gegenseitigen Korrelationen alle
Zusammenhänge zwischen verschiedenen Wertpapieren erfaßt werden.
Obwohl bei der Anwendung des Einfaktorenmodells Informationsverluste auftreten, läßt sich
empirisch nachweisen, daß die durch dieses Optimierungsmodell bestimmbaren effizienten
Portfolios annähernd mit denen übereinstimmen, die durch das Portfolio-Selection-Modell
gewonnen werden können. Von wesentlicher Bedeutung ist die Erkenntnis Sharpes, daß das Risiko
eines Wertpapiers in eine unsystematische und eine systematische, marktabhängige Komponente
aufgeteilt werden kann. Während das Marktrisiko nicht beeinflußt werden kann, läßt sich das
wertpapierspezifische Risiko bei ausreichender Diversifikation vollständig eliminieren.
Vorteilhaft ist im Indexmodell auch, daß eine weit geringere Anzahl von Inputdaten als Basis
für die Berechnungen eingesetzt werden muß.
|