Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
2. Ansätze der neoklassischen Finanzierungstheorie
2.4 Das Capital Asset Pricing-Modell
Herleitung des Modells
Sowohl dem Portfolio-Selection-Modell als auch dem Indexmodell ist gemein, daß die Bestimmung
eines anlegeroptimalen Portfolios durch die ungenaue Bestimmung der individuellen
Nutzenfunktion mit großen Schwierigkeiten behaftet ist. Im CAPM, das zwischen 1964 und 1966 von
Sharpe, Lintner und Mossin entwickelt wurde und das von einem vollkommenen und vollständigen
Kapitalmarkt ausgeht, werden diese Schwierigkeiten beseitigt. Dazu ist es notwendig, zu den
vorher gesetzten Prämissen die folgenden hinzuzufügen:
- Es existiert ein risikoloser Zinssatz, zu dem alle Investoren einheitlich und beliebig viel
Geld anlegen und aufnehmen können.
- Vollständige Informationseffizienz ist gegeben. Alle verfügbaren Informationen sind jedem
Investor zu jeder Zeit kostenlos zugänglich.
- Zusätzlich zur Informationseffizienz über vergangenheitsbezogene Daten haben alle
Investoren homogene Erwartungen bezüglich zu erwartender Renditen, Risiken und Korrelationen
der einzelnen Anlagen.
- Alle am Markt gehandelten Wertpapiere sind aufgrund eines gegebenen
Kapitalmarktgleichgewichts jeweils zu dem ihrem realen Wert entsprechenden Preis erhältlich.
Kapitalmarktlinie und Wertpapierlinie
Die Investitionsmöglichkeit, die durch die risikolose Anlage realisiert werden kann, ist im
Sinne des Portfolio-Selection-Modells eigenständig effizient, so daß nicht nur alle
Kombinationen entlang der Effizienzlinie für den Anleger interessant sind, sondern eben auch
die risikolose Anlage. In der Folge ergeben sich durch Linearkombination zwischen risikoloser
Anlage und konventionellen effizienten Portfolios weitere Investitionsmöglichkeiten. Darüber
hinaus läßt sich ein Portfolio auf der Effizienzlinie bestimmen, das mit der risikolosen Anlage
so kombiniert werden kann, daß es bei jeder gegebenen Renditeerwartung hinsichtlich des
verbundenen Risikos überlegen ist. Unter der Annahme, daß zu dem risikolosen Zinssatz nicht
nur Vermögen angelegt, sondern auch ein beliebig hoher Kredit aufgenommen werden kann, lassen
sich Rendite und Risiko sogar über das durch die Effizienzlinie vorgegebene Maß steigern.
Das Portfolio, das den Tangentialpunkt zwischen Effizienzlinie und einer Geraden durch den
Ordinatenabschnitt (rf) darstellt, wird als Marktportfolio bezeichnet und repräsentiert alle
auf dem Markt zu ihrem fairen Wert gehandelten Wertpapiere. In der neoklassischen Modellwelt
wird hierzu ein den Markt repräsentierender Index verwendet, da von diesem angenommen wird, daß
er die Realität des Kapitalmarktes hinreichend abzubilden vermag.
Da kein Portfolio gebildet werden kann, das hinsichtlich seiner Rendite-Risiko-Struktur einer
Kombination der risikolosen Anlage mit dem Marktportfolio überlegen wäre, folgt, daß die
Zusammensetzung des Portfolios nun unabhängig von den individuellen Präferenzen einzelner
Anleger ist. Ist eine risikolose Anlage gegeben, so wird jeder rationale Investor sein
individuelles Portfolio dem Marktportfolio nachbilden. Der Risikoneigung bzw. der
Ertragserwartung des einzelnen Anlegers kann nun allein dadurch entsprochen werden, daß
innerhalb des individuell optimalen Portfolios unterschiedliche Anteile des Marktportfolios und
der risikolosen Anlage gehalten werden, so daß nicht mehr die Zusammensetzung, sondern je nach
Risikobereitschaft nur noch das Verhältnis zwischen Marktportfolio und risikoloser Anlage
variiert.
Die beschriebene Effizienzgerade, die man als Ergebnis der Analyse erhält, bezeichnet man als
die Kapitalmarktlinie. Aus der positiven Steigung der Kapitalmarktlinie läßt sich ableiten,
welche Entschädigung der Markt für die Übernahme des Marktrisikos im Vergleich zu einer
risikolosen Anlage gewährt. Die entsprechende Risikoprämie ist die Differenz zwischen der
Rendite, die der Wertschwankungen unterworfene Markt bietet, und derjenigen der risikolosen
Anlage, bei der nur der Konsumverzicht des Anlegers ausgeglichen wird. In der Realität wird
als risikoloser Zinssatz gewöhnlich ein repräsentativer Korb staatlicher Geldmarktpapiere
herangezogen, auf den eine durchschnittliche Risikoprämie von 9,4 Prozent erwartet wird. Durch
diese Risikoprämie wird der Anleger für die Übernahme des systematischen Marktrisikos
entschädigt.
Abbildung 2: Kapitalmarkt- und Wertpapierlinie
im Kapitalmarktgleichgewicht
Da die Kapitalmarktlinie einen Rückschluß darauf erlaubt, wie hoch die Risikoprämie je
zusätzlicher Risikoeinheit im Kapitalmarktgleichgewicht sein muß, damit ein Investor eine
entsprechende Anlagekombination wählt, ist es über das CAPM möglich, Aussagen zu von einzelnen
Wertpapieren erwarteten Renditen zu treffen. Um eine lineare Beziehung zwischen Rendite und
Risiko herzustellen, wird die Wertpapierlinie gebildet, durch die der Risikobeitrag jedes
einzelnen Wertpapiers zum Marktrisiko ersichtlich wird. Die Lage eines jeden Wertpapiers auf
der Wertpapierlinie hängt analog des Indexmodells nur davon ab, wie abhängig es von den
Schwankungen des Marktes ist. Der im Rahmen des Indexmodells angesprochene
Sensitivitätskoeffizient, der im CAPM als Beta eines Wertpapiers bezeichnet wird, tritt bei der
Darstellung der Wertpapierlinie als relatives Maß an Stelle des Risikos.
Anders als in den vorher besprochenen Modellen läßt sich im CAPM durch die direkte Zuordnung
des Risikobeitrags eines einzelnen Wertpapiers zum Gesamtportfolio auch der Marktpreis einer
jeden Investitionsmöglichkeit bestimmen. Da jeder Risikoeinheit entlang der Wertpapierlinie
genau ein Preis mit den Elementen risikoloser Zinssatz und Risikoprämie zugeordnet werden kann,
ist auch der Preis eines jeden Wertpapiers als solches ableitbar. Kann ein Wertpapier nicht auf
der Wertpapierlinie abgetragen werden, so ist es nicht risikokonform bewertet und es wird zu
einer erhöhten Nachfrage oder zu einem Angebotsdruck kommen, bis das Gleichgewicht
wiederhergestellt ist. Deutlich wird im CAPM, daß nur der aus Reaktionen auf Marktschwankungen
zurückzuführende Risikoanteil durch eine Prämie ausgeglichen wird. Das titelspezifische,
unsystematische Risiko muß durch den Investor ohne Ausgleich übernommen werden, da dieses auf
dem Markt durch Diversifikation eliminiert werden kann.
Kritische Würdigung des Capital Asset Pricing Modells
Im Unterschied zu den vorherigen Modellen ist im CAPM die Rendite eines Wertpapiers nicht starr
vorherbestimmt, sondern durch deren Abhängigkeit von externen Faktoren flexibel. Die
Volatilität einzelner Wertpapiere wird damit nicht mehr eindimensional betrachtet, sondern
durch den direkten Bezug zu einem Marktindex relativiert. Ein scheinbar in seinem Wert starken
Schwankungen ausgesetztes Wertpapier kann so bei einem nahe 1 liegenden Betafaktor durchaus nur
die Volatilität des gesamten Marktes widerspiegeln, dessen systematisches Risiko nicht zu
umgehen ist.
Dieses Risiko aber muß ein Investor, der für seine Investition die Marktprämie verlangt, in
jedem Fall tragen, so daß das scheinbar starke Risiko des einzelnen Wertpapiers kein Risiko im
Sinne des CAPM darstellt und vom Markt auch nicht entsprechend durch eine überdurchschnittliche
Rendite ausgeglichen wird. Dem Anleger bietet das CAPM ein analytisches Werkzeug, mit dessen
Hilfe er für jedes beliebige Wertpapier konkret das Verhältnis zwischen Rendite und Risiko
bestimmen und gleichzeitig einen fairen Preis für das entsprechende Wertpapier bestimmen kann.
Das CAPM berücksichtigt als Einfaktoren- und besonders in seiner Ausprägung als
Kapitalmarktmodell, bei dem ausschließlich die Marktentwicklung als Index entscheidend ist, nur
einen einzigen externen Einflußfaktor. Interdependenzen zwischen den Wertpapieren werden damit
grundsätzlich ausgeschlossen und fließen somit nicht in die Bewertung ein.
Allerdings muß auch dem CAPM angelastet werden, daß es letztlich auf Vergangenheitsdaten
basiert, da immer nur ein historisches Beta Berücksichtigung in der Bewertung finden kann,
zumal schon die Bestimmung der Effizienzlinie auf Vergangenheitswerten beruht und sich dadurch
"individuell optimale Tangentialportfolios" ergeben können. Die Möglichkeit der objektiven
Bewertung, die das CAPM zu bieten vorgibt, wird dadurch in Frage gestellt, da aus den genannten
Gründen einzelne Tangentialportfolios vom Marktportfolio abweichen. Im Mittelpunkt der Kritik
steht jedoch, daß die Aussagen des CAPM nur dann Gültigkeit haben, wenn die Marktentwicklung
als alleiniger Einflußfaktor auf Kursbewegungen akzeptiert wird. Das Marktmodell streitet also
kategorisch ab, daß Auswirkungen wie Brancheneffekte existieren, die bei Wertpapieren einer
Branche parallele Kursbewegungen auslösen, aber weder durch den Marktfaktor erfaßt sind noch
Auswirkungen auf den Gesamtmarkt haben.
Gleichzeitig ist zu kritisieren, daß es nicht möglich ist, den Markt exakt abzubilden. Obwohl
ein Index dies näherungsweise vermag, ist dadurch doch deutlich, daß die originäre Volatilität
des Marktes als solche nicht genau erfaßt werden kann. Auf den realen Märkten beobachtbare
Anomalien, die sich nicht mit den Erklärungsansätzen des CAPM decken, sind auf Defizite in der
Informationseffizienz zurückzuführen und werden im nächsten Abschnitt noch einmal aufgegriffen.
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