Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
2. Ansätze der neoklassischen Finanzierungstheorie
2.5 Die Arbitrage Pricing Theory
Herleitung des Modells
Anders als das Einfaktorenmodell und das spezialisiertere Marktmodell geht die Arbitrage
Pricing Theory (APT) davon aus, daß die Rendite eines Wertpapiers nicht als lineare Funktion zu
nur einem einzigen Faktor in Beziehung steht, sondern daß durchaus mehrere Faktoren mit
unterschiedlicher Intensität Auswirkungen auf die Kursentwicklung eines Wertpapiers haben
können. Mit der APT nahm Ross (1976) die Kritik am eindimensionalen CAPM auf und stellte ein
Modell vor, durch das Auswirkungen unterschiedlicher externer Einflüsse auf die Kursentwicklung
betrachtet werden können.
Als Mehrfaktorenmodell erlaubt die APT, einem Wertpapier unterschiedliche Sensitivitäten zu
jedem externen Einfluß, der Auswirkungen auf dessen Kurs haben könnte, zuzuordnen. Statt
ausschließlich auf die Größe des Betas eines Wertpapiers abzustellen, wird das Marktrisiko in
Einzelbestandteile zerlegt, deren Einfluß auf einzelne Kursverläufe, analog der Methodik zur
Bestimmung des Beta, anhand von sogenannten Faktorladungen bestimmt wird.
Zur Anwendung können in der APT neben unternehmensspezifischen Faktoren auch makroökonomische
Einflüsse wie das Bruttosozialprodukt, die Inflationsrate oder andere ökonometrische Größen
kommen. Sind die einzelnen Faktorladungen für ein Wertpapier bekannt, so lassen sich aus
Prognosen der relevanten Werte Rückschlüsse auf zukünftig zu erwartende Renditen einzelner
Anlagen ziehen. Durch eine strenge Differenzierung zwischen den einzelnen Faktoren kann die APT
daher Relationen erklären, bei denen das vereinfachende CAPM in Erklärungsnot gerät. Auf den
Anfang 1997 stark steigenden USD reagierten exportstarke Unternehmen beispielsweise
überproportional, da sich der Wechselkurs direkt in ihrem Ergebnis niederschlägt, während
andere, auf das Inlandsgeschäft konzentrierte Firmen, von dem veränderten Umfeld nicht
profitieren und weiterhin unter der schwachen Konjunktur in Deutschland leiden.
Die APT stellt zudem gegenüber dem Marktmodell einen vollkommen anderen Ansatz des
Gleichgewichtsmodells dar. Losgelöst von den Erkenntnissen der Portfoliotheorie wird nicht mehr
von effizienten Portfolios ausgegangen, sondern es wird ausschließlich das einzelne Wertpapier
betrachtet, wobei der Grundsatz der Diversifikation zur Eliminierung des unsystematischen
Risikos weiterhin Gültigkeit behält.
In der APT wird unterstellt, daß bei vorhandener Informationseffizienz auf einem Markt jedes
einzelne Wertpapier jederzeit fair bewertet sein müsse, der Einfluß der verschiedenen Faktoren
sich also im Kurs eines jeden Wertpapiers widerspiegelt. Das vermutete Gleichgewicht wird durch
einen Arbitrageansatz erklärt: jede neue Information schlägt sich unmittelbar im Kurs des
Wertpapiers nieder. Wie beim CAPM das zugehörige Beta entscheiden in der APT die jeweiligen
Faktorladungen darüber, ob eine faire Bewertung durch den Markt, die jeder Investor beurteilen
kann, vorliegt.
Die Grundgleichung der APT berücksichtigt einen faktorunabhängigen, wertpapierspezifischen
Renditeanteil und eine Reihe von systematischen Renditebestandteilen, die in ihrer Summe das
Marktrisiko des CAPM widerspiegeln. Die Gesamtrendite einer Anlage ergibt sich daher als
Linearkombination zwischen der marktunabhängigen Rendite und mehreren mit den jeweiligen
Sensivitäten gewichteten Faktoren.
Kritische Würdigung der Arbitrage Pricing Theorie
Entgegen der starken Vereinfachung und restriktiven Prämisse des CAPM kommt in der APT die
Akzeptanz für die Tatsache zum Ausdruck, daß Kursveränderungen unmöglich nur auf die
Entwicklung des Gesamtmarktes als einzige Einflußgröße zurückzuführen sein können, sondern
beispielsweise Branchenkrisen für Wertschwankungen einzelner Unternehmen berücksichtigt werden
müssen. Für die APT spricht auch die Unabhängigkeit von dem zuvor geforderten effizienten
Marktportfolio, so daß auch in diesem Modell das Wissen um individuelle Präferenzstrukturen der
Investoren entbehrlich ist, um Gleichgewichtspreise zu bestimmen.
Die einzelnen Faktoren, die in der APT zur Bewertung einer Anlage herangezogen werden, sind
nicht von vornherein festgelegt, so daß die in der APT verwirklichte Flexibilität gleichzeitig
ihre größte Schwäche darstellt und die Objektivität und Vergleichbarkeit des Bewertungsmodells
darunter leidet. Bisher ist es nicht gelungen, ein hinreichend umfangreiches Kriterienset zu
bilden, welches die relevanten Faktoren erfaßt. Es findet gewöhnlich nur eine ex-post
Identifikation möglicher Einflüsse statt, wobei noch nicht einmal ausreichend geklärt ist, ob
vorwiegend makro- oder mikroökonomische Faktoren im Vordergrund der Betrachtung durch die APT
stehen sollten.
Auf der anderen Seite besteht im Rahmen der Kapitalmarktforschung durchaus die Gefahr, solchen
Faktoren Bedeutung beizumessen, die zwar empirisch eine hohe Korrelation zu Wertpapierkursen
aufweisen, in der Realität aber in keinerlei originärem Zusammenhang stehen. Dies ist schon
allein dadurch bedingt, daß durch das Unwissen um die Gesamtheit der Faktoren auch die Stärken
der einzelnen Faktorladungen nur näherungsweise und unter großer Unsicherheit bestimmt werden
können.
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