Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
3. Kapitalmarkteffizienz
3.3. Realität der Kapitalmärkte
Nach Jensen ist ein Markt dann als effizient zu bezeichnen, "wenn auf Basis verfügbarer
Informationen kein ökonomischer Gewinn, gemessen als risikoadjustierter Nettogewinn,
erzielbar ist". Realer betrachtet ist ein Markt also dann informationseffizient, wenn der aus
gewonnenen Informationen erzielte Nutzen die Kosten der Informationsbeschaffung und deren
Auswertung nicht übersteigt. Alle Ansätze basieren letztlich auf der Vorstellung des
rational handelnden Homo oeconomicus. In der Realität sind dagegen immer wieder
Irrationalitäten der Anleger und damit Marktanomalien zu beobachten, die der
Effizienzthese in ihren unterschiedlichen Ausprägungen entgegenstehen.
Der Marktlaunenansatz nach Shiller beschreibt die auf einem Markt zu beobachtenden sogenannten
"Fads und Fashions". Danach werden bisweilen Transaktionsentscheidungen durch die
Marktteilnehmer getroffen, die nicht auf tatsächlichen Marktentwicklungen begründet
sind. Derartige Entscheidungen haben nach Shillers Erkenntnis einen
Selbstverstärkungseffekt, der zu einer Abkopplung zwischen Realwirtschaft und
Kapitalmärkten führt.
Eine ähnliche Richtung verfolgt die Theorie der Preisblasen, nach der auf einem Markt
sogenannte "Bubbles" entstehen können, wenn aus spekulativen Gründen die Marktpreise
von Wertpapieren von ihren inneren, fundamental begründbaren Werten abweichen.
Gegenüber dem Marktlaunenansatz ist dieses Phänomen jedoch durchaus auch bei rational
agierenden Investoren erklärbar, da diese sich versprechen, durch einen optimalen
Zeitpunkt des Markteintritts und -ausstiegs Preisblasen zu ihren Gunsten nutzen zu können.
Die Bildung von Preisblasen scheint dafür verantwortlich zu sein, daß es nach der
Lebenszyklushypothese der Emerging Markets in den ersten Phasen zu einer Kursexplosion an den
noch jungen Börsen kommt. In Zusammenhang mit der gewöhnlich folgenden
Konsolidierungsphase kann zudem die Erkenntnis des "Positive Feedback" angeführt werden,
die starke Kursausschläge nach unten auf Panikverkäufe aus massenpsychologischen
Motiven zurückzuführen sucht.
An entwickelten Kapitalmärkten führt "Positive Feedback" oft zu einem pro-zyklischen
Verhalten der Anleger. Einen weitreichend anerkannten pro-zyklischen Effekt bewirkt die
analytische Charttechnik. Beim übersteigen bestimmter vordefinierter Grenzen kommt es zu
massiven Kauf- oder Verkaufstransaktionen , die einen nachhaltigen Effekt auf den Markt
ausüben. Werden ähnliche Signale durch starke Marktteilnehmer oder beispielsweise
auch durch die Presse bewußt gesetzt, kann dies durch einzelne Teilnehmer zu deren
Vorteil umgesetzt werden. So wird von "Scalping" gesprochen, wenn eine Bank Kaufempfehlungen
ausspricht und die dadurch künstlich erhöhten Kurse für eigene Verkäufe
nutzt. In den Emerging Markets findet eine besondere Form des Positive Feedbacks bei Aufnahme
in einen internationalen Index statt, die in den jungen Märkten zu substantiellen
Kursveränderungen führen kann. Die Aufnahme Rußlands in den IFC Investable
Index würde beispielsweise zu indexbedingten Kapitalzuflüssen in Höhe von 140
bis 160 Mio. USD führen. Da diese Summe annähernd einem Monatsumsatz des relativ
liquiden Russian Trading System (RTS) entspricht, muß von einer starken Kursbeeinflussung
ausgegangen werden. Andererseits kann der Ausschluß auch einzelner Unternehmen aus einem
Index zu rational nicht erklärbaren Kursverlusten führen.
Mit einer Übergewichtung des Gehaltes neuer Informationen beschäftigt sich die
Hypothese der "Market overreaction". Kursrelevante Daten führen danach zu massiven
Preisanpassungen, durch die es zu einer temporären Abweichung von fundamentalen Werten
kommt. Durch ein derartiges Verhalten der Investoren ließen sich beispielsweise
kurzfristige intensive Kurseinbrüche erklären, die oft auf politische
Veränderungen in den aufstrebenden Märkten folgen und selten fundamental, sondern
üblicherweise psychologisch-technisch zu erklären sind.
Eine zusätzliche Störung ihrer Effizienz erhalten Kapitalmärkte zudem über
"Noise-Trader", die Stimmungen und Marktlaunen antizipieren oder dies zu tun glauben und durch
die von ihnen ausgelösten Transaktionen reale Kurse beeinflussen. Andererseits könnte
auf einem streng effizienten Markt nur bei der Existenz von Noise-Tradern ein Handel
stattfinden, da sonst aufgrund homogener Ertragserwartungen kein Anreiz dafür gegeben
wäre. Auf jungen Märkten ist gewöhnlich ein hohes Maß an Noise-Trading zu
beobachten, das durch den spekulativen Anreiz der Märkte gefördert wird. Für
gewöhnliche Investoren dagegen bedeutet Noise ein zusätzliches systematisches Risiko,
das nicht diversifiziert, aber auch nicht quantifiziert werden kann.
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