Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
5. Untersuchung ausgewählter Emerging Capital Markets
5.2. Quantitative Merkmale als Effizienzkriterien
Einführung
Auch wenn von der institutionellen Infrastruktur alle Voraussetzungen für einen
funktionsfähigen Kapitalmarkt gegeben sind, ist dies nur eine notwendige, bei weitem aber noch
keine hinreichende Voraussetzung für einen in der Praxis effizienten Kapitalmarkt. Neben den
eher qualitativen Aspekten der Marktausgestaltung durch Institutionen sind auch einige
quantitative Aspekte zu berücksichtigen, um den Grad der Effizienz verschiedener Kapitalmärkte
für die Anwendbarkeit unterschiedlicher Anlagestrategien einschätzen und beurteilen zu können.
Notierte Gesellschaften
Soll eine Portfolio-Diversifikation anhand von Risiko und Renditeaspekten über den Kapitalmarkt
vorgenommen werden, so kann eine Effizienzlinie oder gar ein Marktportfolio nur dann annähernd
bestimmt werden, wenn am jeweiligen Markt eine ausreichende Anzahl von Unternehmen zum Handel
zugelassen ist. Ein Markt ist für einen professionellen Investoren kaum attraktiv, wenn nicht
ein Minimum an Diversifikation vorgenommen werden kann. In dieser Hinsicht weisen die
untersuchten Länder sehr unterschiedliche Voraussetzungen auf. In Polen sind durch die strengen
Zulassungsbedingungen nur 69 Gesellschaften notiert, während in Tschechien offiziell in 1.628
Werten gehandelt werden kann. Für Rußland können zur Annäherung nur die im Russian Trading
System (RTS) gegenwärtig 87 quotierten Werte herangezogen werden, da dort aufgrund der
ausgeprägten regionalen Handelszersplitterung und der schlechten Infrastruktur keine
kumulierten Daten erhältlich sind. Während in Bulgarien und Estland mit jeweils 15 und in
Lettland mit 24 notierten Werten bisher nur wenige Unternehmen an die Börse gegangen sind,
weist der Kurszettel der Börse in Litauen zumindest 426, dafür gemessen an ihrer
Kapitalisierung relativ kleine Unternehmen auf.
Börsenkapitalisierung
Bei einem internationalen Investoren offenstehenden Kapitalmarkt ist von großer Bedeutung,
welche Marktbreite dem anlagesuchenden Kapital gegenübersteht. In der Vergangenheit war oft zu
beobachten, daß das an neueröffneten Börsen vorhandene Angebot die Nachfrage nicht decken
konnte und es daher zu Kursexplosionen kam, die allein daraus resultierten, daß die
Marktteilnehmer nicht mehr als reine Mengen-, sondern als Preisanpasser auftraten. Die
Kapitalmärkte Osteuropas sind im Vergleich zu den etablierten Märkten verschwindend klein und
entsprechend gering aufnahmefähig für den Zufluß ausländischer Kapitalmittel aus
Portfolioinvestitionen.
Wenn man von Rußland mit einer durch das RTS erfaßten Marktbreite von 36,8 Mrd. USD und
Tschechien mit 17,6 Mrd. USD absieht, ist die Kapitalisierung der Ostbörsen äußerst gering.
Mit einer Gesamtkapitalisierung von 8,9 Mrd. USD stellen Polen, Bulgarien und die baltischen
Staaten zusammen gerade vier Fünftel der ersten Tranche des Emissionsvolumens der kürzlich in
Frankfurt notierten Deutsche Telekom mit 10,59 Mrd. USD dar.
Abbildung 4: Marktkapitalisierung der betrachteten Länder
Liquidität
Aus portfoliotheoretischer Sicht dient eine hinreichende Liquidität einer Annäherung an den
vollkommenen Kapitalmarkt, an dem Wertpapiere jederzeit gekauft oder verkauft werden können,
ohne daß dadurch, ceteris paribus, der für alle Marktteilnehmer gültige Kurs substantiell
verändert wird. Selbst bei geringen Preisabweichungen sollte es also möglich sein, zu fairen
Preisen Käufer am Markt zu finden. Eine quantitative Erfassung dieser Liquidität ist jedoch
nicht durchzuführen, da sich nicht genau bestimmen läßt, welches Handelsvolumen der Markt
tagesabhängig aufnehmen kann. Kritisch für die Emerging Markets ist, daß gerade in solchen
Situationen, in denen Liquidität in Form zufließenden Kapitals zu einer Stabilisierung führen
könnte, diese gewöhnlich ausbleibt, da einzelne Investoren der Masse des Marktes folgen. An
vielen der jungen Ostbörsen besteht die Möglichkeit nicht, auch in brisanten Situationen
ungehinderte Verkäufe durchführen zu können.
Die in den meisten Emerging Markets zu beobachtende Handelskonzentration auf einige wenige
liquide Werte führt zu einer relativ hoch korrelierten Renditeentwicklung zwischen diesen
marktstarken Titeln. Während einer Hausse läßt sich feststellen, daß institutionelle Anleger
oft intensiv in diese Werte investieren und dadurch eine deutliche Beeinflussung des
Marktkurses bewirken. Durch die davon ausgehende Signalwirkung werden andere Investoren in
ihrer Entscheidung beeinflußt, so daß es zu einer nachhaltigen Bildung von Preisblasen auf dem
Markt kommt. Umgekehrt gilt, daß nach dem Einsetzen eines Kursrutsches gewöhnlich ebenso
intensive Verkaufstransaktionen durchgeführt werden. Bezogen auf die Emerging Markets in
Mittel- und Osteuropa ließ sich für Polen, Ungarn und Tschechien beobachten, daß während der
jeweiligen Hausse an den Börsen in den Jahren 1993 und 1994 eine hohe Korrelation zwischen dem
jeweiligen Handelsvolumen und den Kurschwankungen der Indizes zu beobachten war. Dies bringt
zum Ausdruck, daß nur bei starken Kursänderungen Aktien zum Kauf angeboten oder später zu
wesentlich geringeren Preisen nachgefragt wurden. Aufgrund unzureichender Liquidität konnte
also weder die anfänglich hohe Nachfrage nach Wertpapieren noch die später einsetzende
Verkaufswelle wertneutral durch den Markt aufgenommen werden.
Relevant ist daher nicht allein die Kapitalisierung, sondern vor allem der Anteil daran, der
sich in Streubesitz befindet und dadurch auf dem Markt frei gehandelt werden kann. Auch bei
hoher Kapitalisierung eines Marktes kann dieser von einem Investor als kritisch beurteilt
werden, wenn nicht gleichzeitig ein ausreichendes Handelsvolumen für die notierten Werte
gegeben ist. Nur bei hinreichender Umsatztätigkeit und einer umfangreicheren Anzahl von
Handelsabschlüssen ist es dem Markt möglich, eine faire Preisbildung vornehmen zu können.
Zur Bewertung der Umsatzliquidität kann das Maß des Wertpapierumschlags herangezogen werden,
welches das Verhältnis von Marktumsatz zu Marktkapitalisierung abbildet. Nachteil dieser
Betrachtung ist, daß damit nur eine über den Gesamtmarkt aggregierte Aussage getroffen werden
kann, die keinen Rückschluß auf die Liquidität einzelner Werte zuläßt. Im internationalen
Vergleich, der Deutschland eine Kennzahl von 2,11 zuweist, den Vereinigten Staaten dagegen
"nur" eine Ziffer von 0,86, wird deutlich, daß anhand des Wertpapierumschlags die Effizienz des
Marktes nicht zu belegen ist. Während diese Aussage schon für den Gesamtmarkt problematisch ist,
kann sie für einzelne Papiere überhaupt nicht herangezogen werden. Trotz der weltweit
zweithöchsten Umschlagsziffer sind in Deutschland vor allem im Freiverkehr Taxkurse keine
Seltenheit. Da diese Kennziffer jedoch in den betrachteten Ländern, im Gegensatz zu weiter
entwickelten Märkten, keinerlei Stetigkeit aufweist, läßt sich darüber keine allgemeine Aussage
ableiten. Die Tatsache, daß mit Ausnahme von Polen mit einem relativ konstanten Wert von etwa
0,7 in den letzten beiden Jahren alle Länder eine Kennziffer von teilweise weit unter 0,4, im
Falle von Bulgarien sogar von 0,07, aufweisen, legt nahe, daß ein für eine korrekte
Wertobjektivierung durch den Markt erforderlicher Umsatz noch nicht gegeben ist.
Auf der Ebene einzelner an der Börse gehandelter Unternehmen ergibt sich ein differenzierteres
Bild, das sich aber generell mit den aus dem für den Gesamtmarkt aggregierten
Wertpapierumschlag abgeleiteten Erkenntnissen deckt. In den meisten der in Warschau notierten
Werte findet ein regelmäßiger und umfangreicher Handel statt, der sich in den
Wertpapierumschlägen der einzelnen Notierungen widerspiegelt. In Tschechien dagegen ist nur
für etwa 300 bis 400 der 1604 gelisteten Unternehmen ein relativ liquider täglicher Handel
festzustellen. Im Vergleich zu Polen verfügt Tschechien darüber hinaus bei einer mehr als
dreifach so hohen Kapitalisierung über ein Handelsvolumen, das gerade einmal 30 Prozent über
dem Polens liegt.
Im russischen RTS kann von einem regelmäßigen Handel überhaupt nicht gesprochen werden. Nur für
etwa jeweils die Hälfte der quotierten 87 Unternehmen wird täglich ein Preis für deren Anteile
ermittelt, wobei einerseits kaum ein Wert permanent gehandelt wird und andererseits oft nur
Einzelgeschäfte abgeschlossen werden. Die Spanne zwischen Bid- und Ask-Preisen der Investoren
liegt in vielen Fällen zu weit auseinander, als das ein Kurs festgestellt werden könnte. Eine
weitere Konzentration der Aktiengeschäfte auf das RTS, dessen Anteil am Gesamtmarkt auf etwa
ein Drittel geschätzt wird, ist bisher nicht abzusehen. In Estland beschränkt sich der Handel
mit 99,9 Prozent wesentlich auf acht Werte, von denen sechs teilprivatisierte Banken sind. Die
Börse Litauen berichtet, daß etwa 200 Werte kaum am Markt liquidierbar sind, da einige von
ihnen seit ihrer Notierung erst einmal gehandelt wurden. In Lettland konzentriert sich die
Liquidität auf die drei im offiziellen Segment gehandelten Werte.
Aufgrund mangelnder Liquidität hat in Bulgarien Mitte 1996 selbst eine drastische Zinserhöhung
zu keinerlei Beeinflussung des Aktienmarktes geführt, da Verkäufe nur unter massiven Verlusten
realisierbar gewesen wären. Seit November 1996 findet in Sofia überhaupt kein Handel mehr
statt, da gegenwärtig das Börsensystem zur Vorbereitung auf die aus der nächsten
Privatisierungswelle hervorgehenden Aktien ruht. Bei einem Markt, dessen monatliches
Handelsvolumen oft unter 10.000 USD liegt und auf dem nur selten Handelsabschlüsse realisiert
werden, ist ein solches Verhalten der Marktteilnehmer als durchaus rational zu bewerten.
Branchenstruktur und Indizes
In vielen der mittel- und osteuropäischen Länder ist eine starke Verdichtung der
Marktkapitalisierung auf wenige dominierende Branchen festzustellen, so daß eine
Diversifikation mit dem Ziel der Abbildung eines Marktportfolios nicht einmal annähernd möglich
ist, da die Branchenstruktur an den Börsen die gesamtwirtschaftlichen Branchenverhältnisse
nicht ausreichend widerspiegelt.
So fallen in Rußland etwa 50 Prozent der gesamten Marktbreite auf Energieversorger, also auf
Öl- und Gasunternehmen. Durch die Börsenzersplitterung und den hohen Anteil der über die
Brokervereinigung PAUFOR im Russian Trading System (RTS) gehandelten Werte ist es in Rußland
nicht einmal möglich, einen einheitlichen Index für das Börsengeschehen zu entwickeln.
Gegenwärtig konkurrieren verschiedene Indizes miteinander, das Börsengeschehen möglichst exakt
abzubilden. Die Berechnungsgrundlagen hierfür sind bei den einzelnen Institutionen jedoch so
unterschiedlich, daß zu Beginn der Hausse in Rußland im Juni 1996 zwischen den verschiedenen
Indizes Abweichungen von bis zu 125 Prozent bestanden. Der Grund für diese enormen Unterschiede
liegt darin, daß je nach Anbieter nur Transaktionen eigener Kunden, gemittelte Werte
verschiedener Broker oder die Daten des RTS als Basis Verwendung finden. Ohnehin ist der von
PAUFOR selbst erstellte Index der einzige, der sich auf tatsächliche Marktkurse bezieht.
In Polen werden Kursschwankungen des Marktes zwar über einen sogenannten All-Shares Index, den
WIG der Warschauer Börse, gemessen, jedoch sind in diesem Bankentitel mit einem Anteil von 38
Prozent deutlich überrepräsentiert. Im Gegensatz dazu steht die Prager Börse, bei der durch
die umfangreichen Notierungen eine breite Streuung durchaus möglich ist.
Sowohl in Bulgarien als auch im Baltikum läßt sich allein aufgrund der wenigen zugelassenen und
gehandelten Werte kein repräsentativer Index erstellen. In Bulgarien wurden im vergangenen Jahr
nur ganze 87 Transaktionen über die Börse vorgenommen. Von den acht in Estland zum amtlichen
Handel zugelassenen Werten sind ganze sechs Titel die von halbstaatlichen Banken. In Lettland
werden vor allem die drei im offiziellen Markt notierten Titel, insbesondere die Rigas
Transporta Flote, gehandelt, so daß den Nebenwerten nur eine geringe Bedeutung zukommt. Nur in
Litauen findet eine relativ marktbreite Notierung statt. Da aber nur ein sporadischer Handel in
etwa 65 der 468 Titel stattfindet , kann auch dem Marktindex Lit A keine Bedeutung zur
Abbildung des Marktportfolios beigemessen werden.
Das Manko lokaler Indizes bei der Abbildung eines Marktportfolios wird teilweise durch
miteinander konkurrierende Benchmarks ausländischer Institutionen ausgeglichen, die
Portfoliomanagern und Investoren einen alternativen Maßstab zur Erfolgsmessung vorzugeben. Der
IFC Investable Index und die Morgan Stanley Capital International (MSCI) mit ihrem Emerging
Markets Free Index (EMFI) haben sich gegenwärtig gegenüber anderen Konkurrenten durchgesetzt.
Da beide Indizes nur solche Aktien in ihre Indizes aufnehmen, die aktiv gehandelt werden und
für ausländische Investoren frei zu erwerben sind, und eine solche Unterteilung nicht nach
einheitlichen Maßstäben vorgenommen werden kann, kommt es allerdings zu starken Abweichungen
zwischen den Benchmarkindizes. Innerhalb der fünf Jahre von 1991-1995 stieg der IFCI indexiert
von 100 auf 145, der EMFI dagegen nur auf 125. Entsprechend subjektiv ist die Einschätzung,
welche Eigenschaften einen qualitativ hochwertigen Index ausmachen. Zudem weisen beide
Indizes, vor allem aber der IFCI, Strukturbrüche bei der Einbeziehung bestimmter Aktien
aufgrund der Liquiditätseinstufungen auf.
Investorstruktur
Die Anzahl und die Struktur der auf einem Markt agierenden Investoren trägt maßgeblich zu
seiner Effizienz bei. In gegenseitiger Konkurrenz stehende und auf individuelle
Gewinnmaximierung ausgerichtete Anleger analysieren und bewerten Aktien unabhängig voneinander,
so daß die Voraussetzung einer Wertobjektivierung durch den Markt geschaffen ist. Nur bei
angemessener Konkurrenz kann demnach eine faire Preisbildung erfolgen. Sind zudem private
Anleger am Markt aktiv, die Geschäfte über Finanzintermediäre vornehmen lassen, gewinnt eine
Lobby für eine qualitativ hochwertige Berichterstattung und Informationstransparenz an
Bedeutung.
Nicht nur die Unternehmen und die Märkte, sondern auch die Struktur der Marktteilnehmer ist in
Hinblick auf die Effizienz der Kapitalmärkte zu beachten. Im allgemeinen unterstützen die
Aktivitäten institutioneller Anleger die Stabilität eines Marktes, indem sie gegenüber privaten
Anlegern aufgrund von Informationsvorteilen und damit rationalerem Handeln in größerem Umfang
antizyklische Investitionen vornehmen. Bei nur geringer Auslandsnachfrage ist zudem zu
befürchten, daß inländisches Kapital das Angebot des Marktes nicht aufzunehmen vermag und ein
Börsenplatz deshalb an Effizienz verliert, weil durch Mangel an Liquidität ein kompetitiver
Handel nicht entsteht und die Eigenfinanzierung dadurch unattraktiv für inländische Unternehmen
wird.
Je nach Land sind völlig unterschiedliche Akteure des Börsengeschehens an den Umsätzen
beteiligt. In Polen haben werbewirksame Maßnahmen große Teile der Bevölkerung dazu bewegt, sich
am Aktienhandel zu beteiligen. Entsprechend niedrig ist auch der Anteil ausländischer
Investoren, die an der Warschauer Börse agieren. Ihr Anteil an der Marktkapitalisierung und am
Umsatz wird auf etwa 25 Prozent geschätzt. Den polnischen Markt dominieren in erster Linie
private Anleger, denen die starke Volatilität der Kurse in der Vergangenheit angelastet wird.
Von einem neuen Gesetz, das geschlossene Fonds zum Markt zuläßt, verspricht sich die polnische
Regierung allerdings für das nächste Jahr ein stärkeres Engagement professioneller Anleger.
Den tschechischen Aktienmarkt hingegen dominieren klar die aus der Privatisierungspolitik
hervorgegangenen Investmentfonds, deren Anteil am handelbaren Aktienkapital bei etwa 70
Prozent liegt. Der Austausch von strategischen Anteilen wird in Tschechien als eine "dritte
Welle der Privatisierung" bezeichnet. Entgegen Ländern wie Polen oder Ungarn wurde in
Tschechien zunächst die Massenprivatisierung durchgeführt und erst später die Börse
eingerichtet. Dies hat dazu geführt, daß viele Tschechen ihre Kupons nicht über einen
zentralen Markt verkaufen konnten und statt dessen ihre Anteile an die Fonds abgetreten haben.
Viele dieser Fonds, die in frühen Stadien der Privatisierung gegründet wurden, um Kupons von
Kleinanlegern abzukaufen, transformieren mittlerweile rechtlich zu Holdingfirmen, eine
Stellung, die ihnen erlaubt, das für Investmentfonds erlaubte Maß von maximal 10 Prozent der
Aktien eines Unternehmens zu übergehen. Im Mittelpunkt der Aktivitäten stehen bisher weniger
die eigentlichen Marktfunktionen der Kapitalbeschaffung und der Vermittlung von
Investitionsmöglichkeiten, sondern vielmehr die Konkurrenz um die oben bereits erwähnten
Property Rights. So ist es nicht verwunderlich, daß es im Direkthandel, der den Markt
dominiert, zu Preisbildungen kommt, bei denen der implizite Unternehmenswert sekundär ist und
das Interesse der Investoren weit mehr strategischer Natur ist. Preise für größere
Aktienblöcke, die zu einer Einflußnahme in das Firmenmanagement führen, enthalten daher
regelmäßig eine umfangreiche Prämie gegenüber dem Marktpreis.
In Rußland wurden 1993 und 1994 viele Kleinanleger durch Spekulationsfirmen wie MMM um ihr
Vertrauen in den Aktienmarkt gebracht. MMM und andere private nationale Investmentfonds
arbeiteten nach einer Art Kettenbriefsystem (Pyramid Scheme), das den Anlegern exorbitant hohe
Gewinne versprach. Hohe Renditen, die den ersten Anlegern tatsächlich aus ihrer Beteiligung an
derartigen Fonds zuflossen, wurden durch die Einlagen der Investoren finanziert, die erst
später den Fonds ihre Privatisierungskupons übertrugen. Mehrere 100.000 russische Bürger wurden
auf diese Weise um ihre Anteile betrogen. Der Markt in Rußland über das außerbörsliche RTS
wird daher inzwischen vornehmlich von größeren amerikanischen Investoren bestimmt.
In Bulgarien und den baltischen Staaten wird der Markt im wesentlichen von nationalen
Unternehmen bestimmt. Von ausländischen Portfolio- und Direktinvestitionen sind die
Kapitalmärkte dieser Länder aufgrund der nur geringen Anzahl von notierten Unternehmen und der
niedrigen Marktkapitalisierung bisher weitgehend unbeachtet geblieben.
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