Anwendbarkeit neoklassischer Finanzierungstheorien auf die
Emerging Capital Markets in Mittel- und Osteuropa
6. Abschließende Betrachtung der Emerging Capital Markets
Die im letzten Kapitel angestellten Untersuchungen haben gezeigt, daß gerade an den
Emerging Capital Markets der ausgewählten Länder in Mittel- und Osteuropa von einer
Effizienz der Kapitalmärkte noch nicht gesprochen werden kann. In vielen Fällen
bestehen sowohl in Hinblick auf die quantitativen als auch auf die qualitativen Merkmale der
Märkte Defizite, die eine Annäherung der Situation an das "first-best"-Optimum der
neoklassischen Betrachtungsweise bisher entgegenstehen.
Obwohl an allen betrachteten Kapitalmärkten eine hinreichende Effizienz noch nicht
vorliegt, können doch Abstufungen hinsichtlich der unterschiedlich starken
Ausprägungen der institutionellen Rahmenbedingungen sowie der gesamtwirtschaftlichen
Voraussetzungen vorgenommen werden. In den verschiedenen Ländern haben sich jedoch
aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen und Größenordnungen spezifische
Strukturen herausgebildet, die eine allgemeine Vergleichbarkeit nach kapitalmarktrelevanten
Kriterien nicht zulassen.
Im folgenden sollen aufgrund der angestellten Untersuchungen abschätzende Aussagen
über den Entwicklungsstand der analysierten Kapitalmärkte getroffen werden. Hierzu
werden die wesentlichen herausgearbeiteten Charakteristika der untersuchten Länder noch
einmal übersichtsartig zusammengefaßt und eine Prognose über eine
zukünftig mögliche Annäherung an den der Neoklassik zugrunde liegenden
vollkommenen und vollständigen Kapitalmarkt abgegeben.
In vielen Fällen steht der Handel mit "Property Rights", als die Unternehmensanteile oft
noch betrachtet werden, vor dem eigentlichen Handel mit Kapitalmarktgütern. Daraus
resultiert auch die als mangelhaft einzustufende Liquidität der Wertpapiertitel in vielen
der Märkte. Die im vergangenen Jahr wieder überdurchschnittlichen Renditen der
Ostbörsen lassen darauf schließen, daß einerseits noch Unsicherheit in der
Bewertung der Unternehmen herrscht, andererseits aber auch spekulative Motive und ein für
die kleinen Märkte zu hoher Kapitalmittelzufluß, vor allem durch westliche
Osteuropafonds, für eine Abkopplung von fundamentalen Werten sorgen.
Darüber hinaus stellt sich für funktionsfähige Kapitalmärkte das Problem,
daß ausländische Firmen vielfach aus strategischen Überlegungen
Mehrheitsanteile an interessanten Unternehmen in der Region erwerben. Die vergleichsweise
geringe Kapitalisierung erlaubt oftmals auch eine vollständige Übernahme attraktiver
Betriebe. Durch den somit verringerten Anteil an Streubesitz ist es der breiten
Investorenschicht nur noch sehr begrenzt möglich, Aktien über den Kapitalmarkt zu
beziehen, da diese unzugänglich geworden sind.
Um ein Mindestmaß an Kapitalmarkteffizienz zu erreichen, muß zudem ein stabiles
makroökonomisches Umfeld gegeben sein, das ein vorteilhaftes Investitionsklima schafft, um
ein breites Anlegerspektrum zu gewinnen und auch ausländische Investoren anzuziehen. Dies
ist nur möglich, wenn Anleger davon ausgehen können, daß ihre Investitionen
langfristig sicher sind. Allerdings ist festzustellen, daß die politische und
makroökonomische Situation in den betrachteten Ländern bisher noch keinesfalls als
stabil angesehen wird und das Risiko von Investitionen entsprechend hoch eingeschätzt
wird. Abbildung 8 verdeutlicht die Einschätzung internationaler Investoren zu den
einzelnen Ländern in Mittel- und Osteuropa im Vergleich zu Deutschland.
Abbildung 8: Makroökonomische Situation und Länderrisiko
Für ausländische Anleger sind zudem die auf Basis der nationalen Währung
erzielbaren Renditen bedeutungslos, solange ihre Investitionen einem starken Wechselkursrisiko
unterliegen. Da alle betrachteten Länder ein als "dirty float" bezeichnetes
Wechselkurssystem nutzen, bei dem die nationalen Währungen gegenüber einem
Währungskorb ausländischer Währungen innerhalb einer festgelegten Bandbreite
fixiert sind und dabei eine lineare Abwertung vorgenommen wird , ist das Wechselkursrisiko
derzeit noch kalkulierbar. Da in diesem System jedoch die Abwertung die nationale Inflation
nicht ausgleicht, kommt es in den betroffenen Ländern zu einer realen
Währungsaufwertung, so daß die Gefahr einer Anpassung jederzeit besteht. Einzig
Tschechien kann gegenwärtig eine nominelle Aufwertung aufweisen, wobei mit 8 Prozent die
Inflationsrate auch am niedrigsten liegt.
Durch die Konzentration des Handels auf die Börse in Warschau und die strenge Kontrolle
der Wertpapieraufsichtsbehörde, verbunden mit einer relativ hohen Liquidität der
bisher notierten Werte, können in Polen bisher die besten Voraussetzungen für einen
funktionierenden Kapitalmarkt unter den betrachteten Ländern festgestellt werden. Polen
übertrifft vor allem in Hinblick auf die Markttransparenz alle anderen Kapitalmärkte
der Region. Die Börsennotierung der NIFs in den nächsten Monaten sowie die geplante
Ausgliederung einzelner Unternehmen aus den Fondsvermögen werden die positive Entwicklung
des polnischen Aktienmarktes voraussichtlich weiter vorantreiben.
Der tschechische Aktienmarkt kann schon allein aufgrund der durch den intensiven Direkthandel
verursachten geringen Informationstransparenz nicht als effizient gelten, da nur für zehn
Prozent des gesamten Handelsvolumens überhaupt ein marktgültiger Preis bestimmt wird.
Ein Verbot des außerbörslichen Direkthandels, wie es in der Slowakei aufgrund
ähnlicher Entwicklungen erlassen wurde , könnte auch dem Prager Börsenplatz zu
einer höheren Effizienz verhelfen. Die angestrebte Aufnahme in die Europäische Union
und die damit einhergehenden rechtlichen Verpflichtungen könnten für Tschechien, wie
auch für Polen, einen positiven Beitrag zur Stärkung der Kapitalmärkte leisten.
Trotz der positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung des Landes ist ein Engagement von
Investoren am tschechischen Aktienmarkt aufgrund der angesprochenen Defizite mit einem hohen
Risiko behaftet. Für den Börsenplatz Prag hingegen spricht die im Vergleich zu
anderen Ländern der Region hohe Kapitalisierung des Aktienmarkts sowie die sektorale
Vielfalt der Anlagemöglichkeiten.
Rußland stellt einen Sonderfall in der Betrachtung der Märkte dar. Während die
übrigen betrachteten Kapitalmärkte Defizite primär in Marktvolumen und
Liquidität aufweisen, besteht in Rußland vorrangig das Problem fehlender
institutioneller Regelungen. Eine Zentralisierung der Wertpapiergeschäfte, wie sie von der
russischen Brokervereinigung PAUFOR angestrebt wird, sowie Fortschritte in der Frage der
Wertpapierverwahrung, könnten den russischen Aktienmarkt in Bezug auf seine Effizienz weit
voranbringen. Vielleicht werden aber auch die Investoren selbst zu einer Verbesserung der
Situation beitragen, wenngleich sich deren Aktivitäten zunächst eher auf
größere Unternehmen beschränken werden. Zur Zeit steht der russische
Aktienmarkt, der noch vor wenigen Monaten aufgrund mangelnder Transparenz von den meisten
Anlegern gänzlich aus der Betrachtung ausgeschlossen wurde und noch immer von
konservativen Investoren gemieden wird, durch die hohen Kursgewinne im Mittelpunkt des
Interesses. Diese wiederum wurden teilweise durch die strategische Neuausrichtung einiger
großer globaler Emerging Market Investmentfonds, die einen Teil ihres Portfolios aus
russischen Titeln zusammengestellt haben, ausgelöst. Die dadurch steigenden Kurse lassen
den russischen Aktienmarkt zusätzlich interessant erscheinen und ziehen so weitere
Investoren nach.
Im Baltikum besteht aufgrund der Marktenge und des geringen Umsatzes der notierten Unternehmen
kaum Aussicht darauf, daß eine Annäherung an den vollkommenen Kapitalmarkt in
nächster Zeit erreicht werden kann. Um eine objektivere Preisbildung zu forcieren,
existieren in Estland, Lettland und Litauen Bestrebungen, die Börsenplätze zu einem
späteren Zeitpunkt zusammenzulegen, um damit eine Verdichtung des Handels zu erzielen.
Über den bulgarischen Kapitalmarkt läßt sich gegenwärtig kaum eine Aussage
treffen, da zwar die für den Börsenhandel notwendige Infrastruktur besteht, die
weitere Entwicklung des Handels aber aufgrund der bevorstehenden Massenprivatisierung und der
damit verbundenen Börsengänge noch nicht absehbar sind. Im letzten Jahr wurden in
Sofia ganze 285 Transaktionen durchgeführt, so daß eine Bewertung auch für 1996
nicht möglich ist.
Informations- und institutionseffiziente Kapitalmärkte ermöglichen Anlegern,
Investitionen unter relativer Sicherheit und verbunden mit nur geringen Transaktionskosten zu
tätigen, da durch vorhandene institutionelle Rahmenbedingungen
Informationsungleichgewichte ausgeglichen werden und eine Annäherung an das
"first-best"-Optimum erzielt wird.
Auf ineffizienten Kapitalmärkten hingegen treten Informationsasymmetrien auf, die zu
Unterbewertungen von Unternehmen führen können, so daß für einzelne
Investoren Informationsvorteile gegenüber anderen Marktteilnehmern entstehen. Die Erfolge
von Emerging Market Investmentfonds, die mit einem aktiven Management weit über der
Marktrendite liegende Gewinne erzielen konnten, belegen die Chancen, die sich auf derartigen
Märkten bieten können.
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