Marktberichte

Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 19.11.2021

Zögerliche Normalisierung

Das Jahr 2021 war bisher ein einträgliches für risikobehaftete Anlageklassen wie Aktien. Doch während auf der Nordhalbkugel der Winter Einzug hält, gestaltet sich auch das makroökonomische Umfeld für die Börsen weniger gemütlich.

Eine unbehaglichere Mischung aus nachlassender Wachstumsdynamik einerseits und anhaltendem Inflationsdruck andererseits hat für sich genommen die Wahrscheinlichkeit vorübergehender Kurskorrekturen an den Börsen erhöht. So erreichte das globale Bruttoinlandsprodukt um die Jahresmitte zwar wieder das Niveau vor der Pandemie, die Weltwirtschaft wuchs im dritten Quartal aber nur um enttäuschende 3-3 ¼ % (annualisiert). Derweil verteuerten sich die Konsumentenpreise in den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, im Oktober im Jahresvergleich um satte 6,2%. So kräftig war die Inflation zuletzt im Jahr 1990 ausgefallen. Temporäre Sondereffekte spielen eine Rolle, jedoch nicht ausschließlich. Viele Zentralbanken – darunter die US-Notenbank Fed – haben damit begonnen, ihren seit Ausbruch der Pandemie geltenden Notstandsmodus zu verlassen.

Dessen ungeachtet hält der Risikoappetit der weltweiten Profianleger an, wie der jüngste „Global Fund Manager Survey“ der Bank of America bestätigte. Offenbar wird das Abwärtspotenzial im aktuellen Umfeld durch die vorherrschende TINA („There is no alternative“)- und FOMO („Fear of missing out“)-Mentalität begrenzt. Investoren scheinen darauf konditioniert, jeden Rückschlag als Kaufgelegenheit („Buy the Dip“) wahrzunehmen. 65% der Befragten erwarten einen Aufschwung, 61% schätzen höhere Inflationsraten als vorübergehendes Phänomen ein.

Die Woche voraus

In der kommenden Woche sorgt eine Reihe von Konjunkturindikatoren für neue Impulse, darunter die Stimmung der Einkaufsmanager in den USA, im Euroraum und Großbritannien (Di). Zuletzt deuteten globale Früh- und Stimmungsindikatoren auf eine Stabilisierung der Wachstumsdynamik hin. Nach einem schwachen dritten Quartal scheint die Konjunktur in den beiden ökonomischen Schwergewichten, den USA und China, wieder Tritt zu fassen. Der private Verbrauch – dieser trägt zu zwei Dritteln des Bruttoinlandsprodukts in den USA bei – bleibt angesichts eines robusten Arbeitsmarkts gut unterstützt (die persönlichen Ausgaben und Einkommen werden am Mittwoch veröffentlicht). Dagegen birgt in Europa das dynamische Neuinfektionsgeschehen kurzfristige Abwärtsrisiken. Inwiefern hat die Deltawelle der Konsumlaune (Verbrauchervertrauen am Montag) und Stimmung deutscher Unternehmer (ifo-Geschäftsklima am Dienstag) bereits einen Dämpfer verpasst?

Insgesamt erwarten wir für die kommenden Quartale zwar ein langsameres, aber immer noch über Potenzial liegendes globales Wachstum. Dies sollte die Unternehmensgewinne – als wichtiges Rückgrat der Aktienmarktentwicklung – fortgesetzt stützen, wenngleich sich das überschäumende Gewinnwachstum im Jahr 2021 vorerst nicht wiederholen dürfte und anhaltender Kostendruck eine potenzielle Belastung für die Profitmargen bliebe. Eine selektivere Auswahl der Anlageschwerpunkte in regionaler und sektoraler Hinsicht sollte sich weiterhin lohnen. Gleichzeitig sind die vorherrschenden Abwärtsrisiken im Blick zu behalten, sei es im Zusammenhang mit der Pandemie (Virusmutationen, schleppender Impffortschritt in einigen Ländern), anhaltenden Lieferkettenstörungen und Kapazitätsengpässen oder möglichen geld- und fiskalpolitischen Fehleinschätzungen.

Auch geldpolitische Beobachter kommen in der nächsten Börsenwoche nicht zu kurz. Das Tempo der Normalisierung war bisher in den einzelnen Ländern uneinheitlich. Eine Kernfrage an dieser Stelle ist, inwieweit das „dauerhaft vorübergehende“ Inflationsnarrativ der Fed – und anderer „zögerliche Normalisierer“ wie der Bank of England und Reserve Bank of Australia, ganz zu schweigen von den „unnachgiebigen“ Notenbanken („Holdouts“) wie der EZB, schwedischen Riksbank, türkischen und indischen Notenbank – in Frage gestellt wird.

So zeigt der US-Häusermarkt Überhitzungserscheinungen – darauf sollte u.a. der Verkauf bestehender Häuser (Mo) hinweisen – und zuletzt haben sich die Anzeichen verdichtet, dass die anziehende Mietpreiskomponente auf die US-Verbraucherpreisinflation durchschlägt. Wer sagt zudem, dass die Unterbeschäftigung auf dem US-Arbeitsmarkt die Löhne niedrig hält? Die Anhaltspunkte mehren sich, dass die Lohnelastizität des Arbeitskräfteangebots in den USA gesunken ist. Während die Inflationsdebatte weiter köchelt, dürften Anleiheinvestoren die Sitzungsprotokolle der Fed (Mi) und EZB (Do) unter die Lupe nehmen. Die transatlantische Divergenz der Geldpolitik spricht in der kurzen Frist weiterhin für einen festen US-Dollar.

Insgesamt bleibt die globale Geldpolitik angesichts recht zögerlicher Normalisierungsschritte – mit Ausnahme etwa der russischen und brasilianischen, aber auch neuseeländischen, polnischen und chilenischen Zentralbanken – weiterhin unterstützend. Solange mittelfristige Inflationsrisiken jedoch unterschätzt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit einer zu späten/zögerlichen Straffung.

Selbst bei kalten Wintertemperaturen lässt die Inflationsdebatte die Gemüter erhitzen, meint Ihre

Ann-Katrin Petersen
Vice President, Global Economics & Strategy


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