Marktberichte

Amundi Marktkommentar vom 15.02.2023

„Geopolitische Herausforderungen – Investoren sollten diversifizieren und flexibel bleiben“

Die globalen Märkte sind aktuell durch Herausforderungen wie den Krieg in der Ukraine, knappe Rohstoffe oder die Rivalität zwischen den USA und China belastet. Das kann für volatile Börsen sorgen. Anna Rosenberg, Head of Geopolitics am Amundi Institute, erläutert im ausführlichen Interview, warum Anlegerinnen und Anleger in einem solchen Umfeld in „Eintrittswahrscheinlichkeiten“ denken sollten und welche Anlageregeln derzeit besonders wichtig sind.

Frau Rosenberg, überwiegen derzeit die geopolitischen Herausforderungen an den Märkten oder erwarten Sie für 2023 auch Chancen auf Besserung des einen oder anderen Konflikts?

Natürlich sehen wir derzeit eine ungewöhnliche Häufung von weltweiten Krisenherden und Herausforderungen, die uns auch in diesem Jahr begleiten dürften. Doch wir betrachten in unseren Analysen ja Eintrittswahrscheinlichkeiten für Szenarien, und da fallen insbesondere zwei Dinge auf: Erstens gibt es auch eine Reihe positiver Szenarien, die zur globalen Entspannung beitragen könnten und die mit recht hohen Wahrscheinlichkeiten eintreten könnten. Und zweitens sind die sehr negativen Szenarien zum Glück oft vergleichsweise unwahrscheinlich.

Was könnte denn ein mögliches Entspannungsszenario sein?

Beispielsweise ein Waffenstillstand in der Ukraine. Vor einigen Wochen haben wir Friedensverhandlungen und ein Ende der Kämpfe mit rund 35 % Eintrittswahrscheinlichkeit bewertet. Nach dem Beschluss zur Lieferung der Panzer sehen wir dieses Szenario zwar nurmehr bei 30 %. Doch wir warten noch auf die Details, um hier neu zu bewerten. Wichtig bleibt aber festzuhalten, dass die Wahrscheinlichkeit für Frieden doch vergleichsweise hoch bleibt und immer eine Option für beide Parteien ist.

Die Ukraine ist ja sehr reich an Rohstoffen. Könnte hier ein Schlüssel zur Beilegung des Konflikts liegen?

Tendenziell nicht. Da Russland selbst sehr viele Rohstoffe hat, glauben wir, es liegen hier eher andere Motive für den Überfall zugrunde. Vor allem Putins Ziel, ein auch territorial gestärktes Russland zu hinterlassen. Deshalb hat er die kulturelle Annäherung der Ukraine an den Westen offenbar als zu attraktiven Gegenentwurf innerhalb seiner Einflusssphäre interpretiert – und somit als kulturelle Bedrohung, die es zu bekämpfen gilt.

Die Ukraine will nun schnell in die EU aufgenommen werden. Wie realistisch ist das?

Für den Moment unrealistisch. Es herrscht aktuell Krieg, die Ukraine ist schwer bewaffnet und wird zudem in vielfacher Hinsicht ein Kriegstrauma erleiden. Deshalb wird es noch einige Jahre dauern und auch eine gewisse Demobilisierung brauchen, bis so etwas wie eine reguläre EU-Mitgliedschaft in Reichweite kommt.

Was wäre denn ein Beispiel für ein ernstes Szenario mit großen Auswirkungen auf die Märkte, aber mit relativ geringer Eintrittswahrscheinlichkeit?

Etwa eine Invasion in Taiwan. Hier sehen wir nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für einen Einmarsch Chinas von rund 10 %. Auch das Eskalationspotenzial zwischen China und den USA halten wir in diesem Jahr für recht begrenzt, weil beide Seiten mit Blick auf die Wirtschaft ein großes Interesse an stabilen Verhältnissen haben dürften. Allerdings hat die Affäre um den chinesischen Spionage-Ballon über US-Territorium das Verhältnis nun akut und zusätzlich belastet. Ein verwirrendes Hin und Her zwischen Konflikt- und Entspannungszeichen könnte deshalb in 2023 eine gewisse Belastung für die Märkte bleiben.

Die Mehrheit der Republikaner im US-Repräsentantenhaus hat dazu geführt, dass möglicherweise ein monatelanges Gezerre um den Staatshaushalt droht. Ist es möglich, dass die USA im Juni zahlungsunfähig sind?

Ja, das wäre möglich, ist aber auch kein Hauptszenario für Investoren. Wir geben dieser möglichen Eskalation auch nur eine 10-prozentige Wahrscheinlichkeit. Allerdings war es noch nie so knapp, wie in diesem Jahr, vor allem weil die Fronten in der US-Politik sehr verhärtet sind. Wir rechnen deshalb mit zunehmenden Reaktionen an den Märkten, je näher das Datum im Juni rückt und je stärker die begleitenden Debatten ausfallen – selbst wenn die Zahlungsunfähigkeit am Ende erwartungsgemäß ausbleiben dürfte.

Wie sollten sich Anlegerinnen und Anleger in diesem Umfeld positionieren?

Die vielen Krisen und Belastungen führen dazu, dass sich die Welt gerade wie in einem sehr volatilen Wachstumsmarkt verhält. Dem könnten Investoren mit Strategien begegnen, die sich in solchen Märkten bewährt haben: Diversifizieren, flexibel bleiben. Und genau beobachten, um nicht den Moment zu verpassen, in dem sich Dinge verändern und sich somit Chancen ergeben können.


Rechtliche Hinweise

Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 07.02.2023. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.